GERD MAAS

Neues aus Absurdistan

Blog

Regelmäßige Beiträge und Essays zum alltäglichen Aberwitz in Gesellschaft, Kultur und Politik. (Benachrichtigung bei Aktualisierungen über den Newsletter.)

Gefühlsduselei

März 2017 – Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Zum Beispiel: einen Feelgood-Manager. Das gibt’s doch nicht, sagen Sie? Sag ich doch: Sachen gibt’s … Googlen Sie mal.

Es gibt sogar eine vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation entwickelte Berufsbeschreibung von Feelgood-Managern als Unternehmenskulturgestalter. Und es gibt natürlich Ausbildungen. Die Firma Goodplace bietet die Fraunhofer-Certified Feelgood-Manager-Ausbildung an. Für 3.100,- Euro. Wie mir scheint arbeiten da ein paar Sellgood-Manager.

Die Gründerin von Goodplace meint, es geht darum, „das Menschliche im Arbeitsleben zu fördern und den Menschen wieder wichtig zu nehmen“. Ich hatte es ja fast befürchtet, dass jetzt irgendwann einmal die Peitsche am Arbeitsplatz verpönt wird. Jetzt darf man also nur noch Zuckerbrot verteilen, um seine Mitarbeiter die durchschnittlich gewöhnliche Wochenarbeitszeit von 35 Stunden am Arbeitsplatz festzunageln (immerhin 41 Stunden, wenn man nur die Vollzeitkräfte nimmt - auch nicht lebensaufzehrend).

Irgendetwas ist irgendwann in dieser Wirtschaft quergelaufen, das ich irgendwie nicht mitbekommen habe. Dass Mitarbeiter Menschen sind, war mir eigentlich auch ohne Fraunhofer-Zertifikat klar. Und ich wüsste jetzt keinen Unternehmerkollegen, der das anders sieht. Fraglos gab es einmal Sklaventreiber (und gibt es sie noch in anderen Teilen dieser Welt), aber ist im Deutschland des 21. Jahrhunderts tatsächlich irgendwo Unmenschlichkeit im Arbeitsleben zu beklagen?

Das Wort Humankapital ist zwar heute eher verpönt, trifft aber die unternehmerische Grundhaltung eigentlich perfekt. Das Wort Kapital kam im 16. Jahrhundert aus Italien zu uns: capitale war die Kopfzahl einer Viehherde und bedeutete Reichtum. Ich schätze mal, das mit der Viehherde weiß kaum jemand, aber Unternehmer verstehen sehr wohl unter Humankapital den Reichtum der Unternehmung an menschlicher Schöpfer- und Arbeitskraft.

Die Mitarbeiter sind der Schatz eines jeden nicht Ein-Mann-Unternehmens. Wie sollte ohne sie produziert werden? Mit Verlaub, jeder Unternehmer und jeder Manager, dem erst erklärt werden muss, die Mitarbeiter wichtig zu nehmen, hat schlicht keinen Erfolg.

Die Haarspalterei, ob man den Mitarbeiter als Mitarbeiter oder den Mitarbeiter als Menschen wichtig nimmt, ist dabei genauso oberflächlich naheliegend wie unsinnig. Ich habe Mitarbeiter, weil ich Geist, Kreativität, Flexibilität etc. brauche – menschliche Eigenschaften – keine Maschinen. Daher heißt, Mitarbeiter wichtig zu nehmen, unweigerlich Mitarbeiter als Menschen wichtig zu nehmen.

Umgekehrt heißt aber Mitarbeit auch, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten gegen Entgelt für eine gemeinsame Sache einzusetzen. Das entsprechende Feelgood ist eine florierende Unternehmung, bei der man mit dabei ist. Mitmacht. Mitarbeitet. Dazu sind Loyalität und Leistungsbereitschaft erforderlich. Die sind dem Arbeitgeber auch ohne arrangierte Teamevents und Wohlfühlecken geschuldet. Mir scheint, dass man darauf in diesen Zeiten tatsächlich ausdrücklich hinweisen muss.

In der Psychologie wird ein beglückender Flow als die machbare Bewältigung von Herausforderungen beschrieben. Genau dann herrscht auch Produktivität. Dass ist die originäre Aufgabe aller unternehmerischen Führungs-, Organisations- und Koordinationsaufgaben. Alles darüber hinaus sollte man dem Privatleben und der Selbstorganisation überlassen. Und dem besten Feelgood-Manager, einer Familie, zu der man nach der Arbeit heimkommt, mit der man heutzutage viel Zeit verbringen kann und die man mit seinem Beruf ernährt.

__ Dieser Beitrag erschien zuerst bei Tichys Einblick unter dem Titel Feelgood-Manager und Unternehmenskulturgestalter?

Eingeschläfert statt aufgeweckt

Februar 2017 – Als Verlust der Angemessenheit des Verhaltens für ein gedeihliches Fortbestehen habe ich Dekadenz 2009 im gleichnamigen Buch definiert. Eine allgemeine Begriffsabgrenzung genauso wie die Beschreibung der herrschenden Verhältnisse. Wohlfahrt ergibt sich nicht von selbst. Sie muss geschaffen werden. Und sie muss stetig aufs Neue geschaffen werden. Vieles deutet aber darauf hin, dass wir inzwischen vielfach zu träge und zu satt geworden sind, etwas zu schaffen. Ja, überhaupt etwas schaffen zu wollen. Kaum ein anderer Bereich als unser Umgang mit Kindern und deren Erziehung kann da besser als Indikator dienen. Die nächsten Generationen sind nachgerade der Inbegriff von Zukunftsfähigkeit. Erschreckend, wie wir da Chancen verschlafen (lassen).

In den letzten Tagen gingen einige Schlagzeilen durch die Medien, dass ein Trend zu Schlafmitteln für Kinder auszumachen wäre. Harte empirische Fakten fehlen zwar offenbar noch, allerdings verdichten sich wohl die Indizien. Die bayerische Gesundheitsministerin und Ärztin Melanie Huml spricht aktuell davon, dass diese gefährliche Entwicklung von Kinderärzten und Wissenschaftlern beobachtet wird.

Genaue Datensammlungen werden erschwert, da viele Produkte rezeptfrei erhältlich sind. Zum Beispiel „Sandrin für Kinder“ oder das Säftchen mit dem sprechenden Namen „Sedaplus“. Ebenso zahlreiche Angebote aus der alternativfaktischen Medizin wie die Bachblüten „Kleines Träumerle“, anthroposophische „Passiflora Kinderzäpfchen“ oder homöopathisch „Calmy Hevert Globuli“ und „Kids Relief Beruhigungs-Sirup“. Zudem werden viele Erkältungsmittel mit sedierenden Wirkstoffen ebenfalls rezeptfrei angeboten. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin geht davon aus, dass dies allgemein bekannt ist, und die Produkte gezielt zum Ruhigstellen eingesetzt werden.

Ein solcher Trend zu mehr Schlafmitteln bei Kindern ist allein schon deswegen bedenklich, weil dem gesunden Menschenverstand im Allgemeinen und dem fürsorgliche Elterngewissen im Speziellen glasklar sein müsste, dass alles was wirkt auch potenziell nebenwirkt beziehungsweise jede Wirkung auch unerwünschte Nebenfolgen haben kann. Noch einmal Huml dazu: „Viele dieser Mittel enthalten Wirkstoffe, die in den natürlichen kindlichen Schlaf-Wach-Rhythmus eingreifen. Damit ist die optimale Erholung der Kinder gestört, die für das Lernen und die psychische Gesundheit sehr wichtig ist.“ In der Kindermedizin wird in diesem Zusammenhang vor Atmungsstörungen gewarnt und auch vor gegenteiligen, paradoxen Wirkungen wie Unruhe bis hin zu Halluzinationen.

Tiefergehende kulturkritische Sorgen drängen sich einem aber auf, wenn man sich ein paar Gedanken über die Ursachen solcher elterlichen Anwandlungen macht. Reparaturmentalität ist da das eine. Richten lassen, statt eigenverantwortlich vorbeugen. Die Delegation der Selbstbestimmtheit auf konsumierbare Produkte. Man könnte ja, was Schlafprobleme von Kindern betrifft, auch Milch mit Honig machen, eine Geschichte vorlesen, das Zimmer einmal kräftig durchlüften und dabei noch ein wenig gemeinsam in die Sterne schauen oder ein Schlaflied singen. Das klappt nicht immer, ist aber allemal wirkkräftiger als der Placebo-Effekt von ein paar schnell eingeworfenen Globuli.

Das andere ist die dauermediale Ruhigstellung tagsüber. Wer den ganzen Tag mehr und mehr bewegungslos vor Bildschirmmedien abgestellt wird, kann ja abends gar nicht richtig müde sein – körperlich kaum beansprucht und im Kopf ganz wirr von zahllosen genauso eindimensionalen wie unabänderbaren Eindrücken. Die nach meinem Empfinden Allgegenwart von Bildschirmen an den Kopfstützen in PKWs zeugen von der Durchdringung der Kinderwelt mit elektronischen Medien.

Laut der miniKIM-Studie 2014 ist wenigstens mehrmals die Woche Fernsehen, wenn nicht täglich, bei Dreiviertel der Vorschulkindern Usus. Bei den Jüngeren mit zwei bis drei Jahren im Schnitt eine halbe Stunde, bei den Älteren schon fast eine ganze. Nachdem es ja offensichtlich immer noch ein paar Familien gibt, die von Fernsehen in dem Alter gar nichts halten, muss wohl eine ganz erkleckliche Anzahl von Vorschulkindern schon täglich zwei Stunden vor der Glotze sitzen, um auf diesen Durchschnitt zu kommen. Plus PC-, Konsole-, Tablet- oder Smartphone-Spiele und -Filme. In der Statistik nur mit wenigen Minuten kaum ausschlaggebend. In der Realität sehe ich zum Beispiel in Gaststätten immer mehr Familien, die ihrem Nachwuchs das Smartphone in die Hand drücken, damit es sich still beschäftigt.
Insgesamt kann man in Wirklichkeit von erheblich höheren Mediennutzungszeiten der Kinder ausgehen, denn die empirischen Daten sind durch Befragungen der Haupterzieher erhoben. Die werden in ihrem Selbstverständnis als gute Eltern die Zeiten ihrer Kinder vor irgendwelchen Bildschirmen eher unter- als überschätzen. Und in den immer häufiger getrennten Erziehungssituationen wird es beim „Nebenerzieher“ vermutlich oft auch noch mal ganz anders ausschauen.

Die liebste Aktivität sind Bildschirmmedien für Kinder aber keineswegs. Draußen spielen steht da ganz an der Spitze, vor drinnen spielen und Buch anschauen/vorlesen. Die Kinder würden also wohl schon wissen, was gut für sie ist. Man müsste sie nur lassen. Wir bevorzugen aber zunehmend, eine sedierte Generation großzuziehen. Tagsüber mit Medien und nachts medikamentös.

Biologik

Dezember 2016 – Nur weil biologisch draufsteht, muss es noch lange nicht logisch sein. Oder vernünftig. Dementsprechend hat auch biofair offensichtlich herzlich wenig mit irgendeiner Gerechtigkeit gegenüber der Natur zu tun. Wer sich darüber tatsächlich Gedanken macht, würde wohl kaum ein paar Plätzchen in einer Verpackung aus dickem hartem Plastik feilbieten. Den Unsinn nur notdürftig mit dem Claim „Mehrzweckdose“ kaschiert. Meine ganze Werkstatt quillt schon lange über von Dosen und Döschen ehemaliger Lebensmittelverpackungen, die man noch zum Schraubensortieren oder Pinselauswaschen gebrauchen kann. Die große Box in der Speise mit Tupperware & Co. ist ebenso dauerüberfüllt – obwohl wir uns lebenslang noch nie irgend sowas selbst gekauft haben. Da hätte ich mir von jemandem, der sich bio logisch und auch noch ebenso fair schimpft, eher eine Lösung als Mehrbelastung gewünscht. Da fühlt man sich glatt bioschissen.

Achtung: Jetzt kommt ein Karton!

Juli 2016 – Rewe verbannt nach und nach die Plastiktüten aus allen Märkten. Und bietet stattdessen Pappschachteln an. Der Sinn dahinter wird sich allerdings nicht jedem gleich offenbaren – zum Beispiel jenen, die ihren Einkauf schon zeitlebens im entleerten Asti Spumante-Karton, der ehemaligen Tomatensteige oder, wenn es mal viel war, in der gewesenen Bananenkiste heimgetragen haben. Das darf jetzt nicht mehr sein. Einfaches Wiederverwenden war gestern. Heute lässt Rewe extra neue Einkaufskartons produzieren – ganz stolz aus FSC-zertifiziertem Papier. Und stampft gleichzeitig die unzähligen Großhandelsverpackungen ein. Fast alle sauber und unverändert stabil. Wer schon einmal eine Obststeige aus Wellpappe für die Altpapiertonne zerkleinert hat, weiß wie oft die eigentlich noch wiederverwendbar gewesen wäre.
Mit dem Aufdruck »Gut für die Umwelt!« gerät der Rewe-Einkaufskarton dann endgültig zum Cartoon. Ein bedruckter Aberwitz. Selten hat ein Konzern offensichtlicher gemacht, wie wenig es ihm wirklich um Nachhaltigkeit geht.

Powerpuff Girls

Juni 2016 __ Pädagogisch wertvoller Name einer Kleinkindersendung auf Cartoon Network. Genauso wertvoll, wie die dummen Stereotypen der Charaktere dieser Filmwelt. Der Bürgermeister ist grunddoof und die Tochter reicher Eltern ist natürlich genauso verwöhnt wie rachsüchtig, weil sie sich bei den powerfullen Puffmädels nicht einkaufen konnte. Es wäre mal wirklich interessant zu untersuchen, wie oft ein Kind beim Heranwachsen mit dumpfen Klischees von trotteligen Politikern und Kapitalistenschweinen berieselt wird. Das ist vermutlich die größte Gefahr der Bildschirmmedien-Inflation in der Kinderstube: In der Masse überwiegen die hirnlosen Autoren, die einen Job machen, statt eine Geschichte erzählen zu wollen. Wir werden mehr und mehr eingekesselt von einer irrealen Welt trivialer Plots und billiger Pointen.

G'schichten aus dem Veganergarten

März 2016 __

Es war einmal ein Veganer,
der nippte gern Paulaner.
(Konnt vielleicht den Laubsalat, den faden,
gar nicht anders mehr ertragen.)


Doch hat er sich verschluckt,
als er mal hinter’s Etikett geguckt.
Da klebt im Leim verborgen,
was andernfalls gern Käse wär geworden.


Das Protein der Milch
macht öde Flaschen bunter,
jedoch bei diesem Flaschenkleberich
bringt der Veganer keinen Schluck mehr runter.


Wenn Ka-se-in am Weißbierflasch’l pappt,
der Veganer leicht moralisch überschnappt.
Den Rest der Menschheit stört das kaum,
der säuft halt ohne hinzuschau’n.


Mit Moral ist’s wie mit Biergenuss,
Verdruss beschert der Überfluss.
Man kann auch alles übertreiben
und jede Tugend auf die Spitze treiben.


Nachhaltig ist nur Mäßigung,
das Mittelmaß im besten Sinne.
Daher verzicht‘ ich auf Veganertum
und denk doch nach, bevor ich was verschlinge.

Alles "Bio", "Regio" oder was?

Februar 2016 – Ohne „Bio“ geht heute gar nichts mehr. Jeder in der Lebensmittel-Branche, der irgendwie den Anschein von Qualität wahren will, um sich dafür teuer bezahlen zu lassen, sucht danach, „künstliche“ Zusatzstoffe bei Anbau und Zubereitung zu meiden. Warum auch immer per se alle Konservierungs-, Geschmacks- oder Farbstoffe aus streng reglementierten und kontrollierten Betrieben der Lebensmittelindustrie böse sein sollen. Und warum auch immer alles, was „natürlich“ ist, der Gesundheit generell zuträglich sein sollte. Sei’s drum: Fakt ist, wer sich „Bio“ auf die Firmenfahne schreibt, beugt der herrschenden kognitiven Dissonanz bei den Verbrauchern vor. Und kann ansonsten auf abgeschaltete Gehirne hoffen. Anders ließe sich nicht erklären, dass ein Bio-Mini-Kuchen aus der Dose verkäuflich ist (www.minikuchen.at‬). Ein 150-Gramm-Küchlein im Weißblechmantel für fünf Euro. Ich schätze mal, da hat die Apfeltasche von McDonalds eine bessere Ökobilanz. Geschweige denn im Vergleich zu einem Stück Kuchen vom Konditor oder gar selbst gebackenem. Das ist zwar nicht zwei Jahre haltbar, aber wer will schon einen Kuchen zwei Jahre aufheben? Da mag ja jetzt alles schön brav „Bio“ drin sein, aber das Ganze ist nun mal ökologischer Unsinn. Der Verweis darauf, dass das Weißblech 100 Prozent recycelbar ist, schon fast höhnisch. Nun will ich das Produkt an sich gar nicht verdammen. Jeder nach seinem Gusto. Aber was sind wir nicht offenbar alle für dumm verkaufte Herdetiere, die arglos einem simplen Wort hinterherlaufen.
Inzwischen ist ja angeblich „Regio“ das neue „Bio“. Tatsächlich spricht viel dafür, wenn möglich auf regional saisonal verfügbare Produkte zu achten. Aber warum muss man dazu erst ein „Regio“-Label erfinden? Gerade bei Frischwaren ist die Herkunftsangabe schon lange guter Usus oder der Ursprung ist wenigstens leicht in Erfahrung zu bringen. „Regio“ einkaufen, geht schon immer. Und wenn die Kunden darauf achten, entsteht auch ganz von selbst das Angebot. Dann muss man sich nicht vom falschen Schein hinters Licht führen lassen. Wie bis vor kurzem noch bei Coop mit Kaffee, Orangensaft oder Tee von „Unser Norden“. Oder wenn „Regio“ mancherorts als ganz Deutschland verstanden wird. Oder sich regionale Namen nur auf den letzten Verarbeitungsschritt beziehen, wie beim Schwarzwälder Schinken. Oder wenn gar nur die Anmutung der Verpackung regionale Assoziationen erzeugt.
Wie wär’s mal mit: Selber-Denken ist das neue „Bio“/„Regio“?

Geteiltes Leid

Dezember 2015 – Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat unlängst eine „Teilkrankschreibung“ vorgeschlagen. Bei vielen Erkrankungen ist eine Teilzeitarbeit fraglos zumutbar, bei so manchem Gebrechen ist ein wenig Arbeit vermutlich sogar heilsamer, als wenn einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Bei langwährenden Krankheiten wäre dadurch zudem eine flexible, sukzessive Rückkehr zum vollwertigen Arbeitsleben möglich, ohne die komplexe Abstimmung eines Wiedereingliederungsplans. Gerade für die immer häufiger auftretenden psychischen Erkrankungen mit langen Fehlzeiten in manchen Fällen vielleicht ein schon aus sich allein heraus wirkender Beitrag zur Heilung. Und dann ganz nebenbei ein wenig Eindämmung der explodierenden Kosten des Gesundheitswesens. Da gibt es sicher Für und Wider, aber das klingt alles sehr vernünftig. Die Alles-oder-nichts-Regel bei Krankschreibungen erschien einem ja schon immer als eine eher lebensfremde Bestimmung (an die sich im Privaten tatsächlich auch niemand hält und man dort auch bei Krankheit den Umständen entsprechend Hausarbeiten erledigt oder Freizeitbeschäftigungen nachgeht). Für die selbsternannten Hüter des sozialen Versicherungsfriedens, den Sozialverband VdK Deutschland e.V., ist das allerdings – es war nicht anders zu erwarten – ein Dorn im Auge. „Geradezu alarmiert“ beschreibt der Bayerische Rundfunk die VdK-Präsidentin angesichts dieses Vorschlags. Sie befürchtet Druck auf langfristig Erkrankte und malt als Schreckensszenario aus, dass der Arbeitnehmer dann mit seinem Arzt über die Einsatzfähigkeit verhandeln müsste. Absurd, als ob dieses etwas differenziertere Ermessen einem Arzt nicht zuzutrauen wäre. Vernunft hin oder her, der VdK lehnt den Vorschlag kompromisslos ab.

Vielleicht sollten die sozialverbundenen Damen und Herren mal ein wenig in den Regeln des heiligen Benedikt für das gedeihliche Zusammenleben in einem Kloster blättern. Dort steht im 36. Kapitel „Die kranken Brüder“ auch zuallererst, dass die Sorge für die Kranken über allem stehen muss. Man soll ihnen so dienen, als wären sie Christus. Dort sind aber auch die Kranken aufgefordert, „ihre Brüder, die ihnen dienen, nicht durch übertriebene Ansprüche traurig zu machen“ – mein lieber VdK, denk daran, dass alle Krankenkassenbeiträge immer erst auch einmal erwirtschaftet werden müssen. Außerdem verschreibt Benedikt den Mönchen im 48. Kapitel über „Die Ordnung für Handarbeit und Lesung“: „Kranken oder empfindlichen Brüdern werde eine passende Beschäftigung oder ein geeignetes Handwerk zugewiesen; sie sollen nicht müßig sein, aber auch nicht durch allzu große Last der Arbeit erdrückt oder sogar fortgetrieben werden.“ Teilkrankschreibung ist eine nächstenliebende Selbstverständlichkeit eines achtsamen Miteinanders.

Der Psychoreport

November 2015 – Der Psychoreport, das ist kein Filmverschnitt der 70er-/80er-Jahre, sondern die aktuelle Analyse der Krankschreibungen durch die DAK-Gesundheit. "Deutschland braucht Therapie" ist der Untertitel dieses Berichts. Die psychischen Erkrankungen boomen – jede sechste Krankschreibung geht bereits auf dieses Konto, jährlich über sechs Millionen Krankheitstage sind das, fast zwei Millionen Betroffene; Tendenz: unverändert steiles Wachstum. Müssen wir jetzt bald alle ab auf die Couch? Oder ist es doch nur eine Zeitgeisteskrankheit?
Wenigstens zwischen den Zeilen des Psychoreports 2015 wird deutlich, dass die Inflation der psychischen Erkrankungen in Deutschland therapiegetrieben ist. So erklärt etwa ein DAK-Experte die seltsame, signifikante Ungleichverteilung der Diagnosen zwischen Stadt und Land damit: „Nicht zuletzt korreliert die Inanspruchnahme von Behandlungen auch mit der Dichte des Angebotes“. Epidemiologen der Universitätsklinik Münster haben 2014 in einer Metastudie umgekehrt festgestellt: "Die unterstellte Zunahme psychischer Störungen aufgrund des sozialen Wandels kann nicht bestätigt werden." Die BKK spricht in ihrem Gesundheitsreport 2014 dementsprechend von „Überdiagnostizierung“.
Tatsächlich fußt der Psychoboom auf einem sich selbst erhaltenden Regelkreis zwischen der Ausweitung der Definitionen von Krankheitszuständen und wachsenden Therapie- und Behandlungsangeboten. Immer mehr Gemütszustände, die noch vor Jahr und Tag als normal galten, werden heute für behandlungswürdig krank erklärt. Das ist besonders absurd, nachdem insgesamt die Lebensumstände – z.B. Arbeitsbelastung, Freizeit oder die physische Gesundheit – immer weniger belastend sind.
Wir haben uns selbst in einen Teufelskreis manövriert. Befeuert noch von der zunehmenden medialen Präsenz, was wiederum die Therapeuten in ihrer vermeintlichen Notwendigkeit bestätigt und zugleich hypochondrischen Selbstdiagnosen Vorschub leistet. Das heißt aber auch, dass sich viele am eigenen Schopf aus diesem Teufelskreis wieder rausziehen könnten. Mündigkeit und Eigenverantwortung versprechen da echte Heilungschancen. Man muss nur an die eigene Normalität glauben, um schlagartig zu gesunden. Und man darf eben nicht für jede Laus, die einem über die Leber läuft, einen professionellen Verantwortungsabnehmer suchen. Der US-amerikanische Psychiater Allen Frances stellt dazu treffend fest: „Die unvermeidlichen Alltagsprobleme des Lebens hingegen überlassen wir am besten unserer angeborenen Widerstandskraft und der heilenden Wirkung der Zeit.“

Jetzt macht mal einen Punkt

Oktober 2015 – Zum Ende der Sommerzeit ein letzter Rückblick – der Trend des Sommers 2015: Sommersprossen. Naja, die sind ja zugegebenermaßen oft auch recht attraktiv. Gerade das ein bisschen Unperfekte macht fraglos häufig erst die wahre Schönheit aus. Die Natur zeichnet nicht exakt nach Ebenmaß. Da war es wohl nur eine Frage der Zeit, dass solche Erkenntnis auch bei den gewerblichen Manipulatoren des Faktischen greift. Und so war dieser Sommertrend keine Hommage an eine liebenswerte Laune der Natur, sondern die Geburt des „Freckle Pencil“ – ein Make-up-Stift zum Sommersprossen-Aufmalen. Wer’s homemade bevorzugt, besprenkelt sich mit einer alten Zahnbürste und Selbstbräuner. Permanent-Make-up-Tupfen gibt es auch – also Sommersprossen-Tätowierungen. Spätestens da kippt dann eine eher harmlose modische Albernheit ins Absurde. Können wir der Zukunft noch ungeschminkt ins Auge blicken?

Big Apple is listening to you

September 2015 – Beim neuen iPhone 6S liegt die Spracherkennung »Siri« ständig auf der Lauer, um beim leisesten »Hey Siri« sofort dienstbar bereit zu stehen. Big Apple hört also künftig überall und ständig mit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Beinahe unvermeidlich, dass einem dabei – wehe! wehe! – Goethes Zauberlehrling in den Sinn kommt: »Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.«

Stimmmonster

August 2015 – In der Schulzeit haben wir oft Otto nachgemacht. Im Gespräch ein nasales „jaaaaa, mein Kind“ einzuwerfen war ein Dauerbrenner. Wer halbwegs lange Haare hatte, hüpfte bei jeder Gelegenheit mit angewinkelten Pfoten und nach vorne ruckendem Kopf durch die Gänge. Oder Didi Hallervorden: Ständig kam jemand mit „Palim Palim“ durch die Klassenzimmertür. Während des Studiums war Badesalz in aller Munde. Mit „ei jei jei Frau Batz“ ließen sich so ziemlich alle Lebenslagen passend kommentieren und „es geht die Mensche wie die Leut“ war uns steter Trost. Bei mir ging das Hessisch-Babbeln irgendwann soweit, dass ich als Franke auf der Haaner Kerb hessisches Asylrecht bekam.

Heute ahmen Jugendliche das Reality-Show-Sternchen Kim Kardashian nach. Was in erster Linie bedeutet, dass sich junge Frauen ihr hübsches Gesicht mit Massen von Make-up zukleistern. Kardashians Sprechweise machen aber auch Jungs nach. „Vocal fry“ – „Stimmbrutzeln“ – ein kehliges, knarrendes Sprechen – man kann sich das ungefähr als schottischer Klon aus Orson Wells und Amanda Lear vorstellen (z.B.: https://goo.gl/2q1ykd). Vorher war der letzte Schrei „Uptalking“ – das Heben der Stimme an jedem Satzende, egal ob Frage oder nicht – weiß der Geier, welches It-Girl das erfunden hatte (z.B.:https://goo.gl/HMtn70 ). Ein bisschen abgemildert lässt sich das inzwischen alles auch in Deutschland finden.

Nun, es soll jeder reden, wie er sich selbst den Schnabel zurechtgestutzt hat. Aber irgendwie drängt sich mir da doch der Gedanke auf, dass wir damals wohl geblödelt haben, heute aber mancher sich echt verblödet.

Vom Fernsehen fürs Leben lernen?

Juli 2015 – Neulich im Religionsunterricht meines Sohnes (10. Klasse): Diskussion über Orientierungshilfen in der zuvor eingeredeten „Multioptionsgesellschaft“ – das Religionsbuch ist sich da sicher: »Sogenannte „Daily Soaps“ im Fernsehen werden von Jugendlichen oft und gerne gesehen. In ihnen wird viel gesprochen und alles wird ausdiskutiert. Jugendliche verstehen sie als Lernprogramme, mit sozialen Problemen umzugehen. Sie lernen, wie Beziehungen ablaufen und Konflikte gelöst werden. Das große Handlungsspektrum erlaubt jeder und jedem, sich irgendwo wiederzufinden. Hier lässt sich abschauen, wie man sich kleidet, wie man mit den Lehrerinnen und Lehrern umgeht, welche Frisuren in Mode sind; eigene Ängste und Unsicherheiten werden thematisiert und Lösungen „vorgelebt“.« (Leben gestalten 10, Unterrichtswerk für den katholischen Religionsunterricht am Gymnasium, S. 90)
Das muss man sich bitte auf der Zunge zergehen lassen. Offenbar in einem Anflug von Wir-sind-auch-cool-Wahnsinn empfiehlt die katholische Kirche scripted realities von RTL2 und Konsorten als ernsthafte Hilfen auf der Suche nach Orientierung, Sinn und Halt? Billigste Trash-Produktionen, deren Wirklichkeitsabbildung durchweg geprägt ist von simpelster Klischeehaftigkeit gepaart mit pseudo-sensationellen Dramatisierungen im Minuten-Takt. Das sollen ethische und soziale Lernprogramme für unsere Jugend sein? Zu einer solchen realtainment TV-Soap „Berlin – Tag & Nacht“ hat SPIEGEL ONLINE einmal kommentiert: »Bestimmt gibt es eine Zielgruppe für all das - warum auch nicht. Schlimm ist aber, wie einfalls- und geschmacklos das alles gemacht ist. Das Drehbuch ist grob zusammengekritzelt, der Rest improvisiert, die Dialoge sind Stammeleien. Das soll zumindest halb-real sein? Beim Gedanken daran will man kreischend der Menschheit abschwören und zum Tier werden.« (Hauptstadt-Soap auf RTL II: Runter mit dem Raubtierhöschen, Ole! )
Ganz abgesehen davon, dass die Soaps in unmittelbarer Nähe und mit fließenden Übergangen zu Reality Shows laufen, die zum Beispiel Jugendliche Pornografisieren (wie bei Germany‘s Next Topmodel) oder geistig Minderbemittelte voyeuristisch ausbeuten (wie bei Beate & Irene). Zu Casting-Shows zitiert das Religionsbuch die Medienwissenschaftlerin Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, die das gar für unschätzbare Orientierungshilfen hält. »Dank einer Sendung wie „Germany’s Next Topmodel“ könne man lernen, wie man sich als junge Frau für andere in Szene setze.« Schauen Sie sich einmal ein paar Sequenzen zum Beispiel vom Sexy Boy Shooting bei Germany’s Next Topmodel an (im Link oben oder hier) und dann überlegen Sie kurz, ob Sie wollen, dass sich ihre Tochter jemals so in Szene setzt. Solche – öffentlich finanzierten – Medienwissenschaften sind gemeingefährlich.
Das alles hat mit Orientierungshilfen nicht das Geringste zu tun. Das ist im Großen und Ganzen die mediale Inszenierung des Untergangs von Humanismus und Aufklärung. Da wünscht man sich doch sogar als Atheist lieber eine Kirche, die einen Exorzisten schickt, um diversen Privatsendern die Volksverdummung auszutreiben, also solche weichgewaschenen und unreflektierten Anbiederungen.

Kevin zappelt allein im Netz

April 2015 – Heute wurden einmal mehr erschreckende Zahlen der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen öffentlich. Jeder zehnte Dreijährige geht ins Internet, ein Viertel aller Fünfjährigen – mit einer Bandbreite von einer halben Stunde wöchentlich bis zu einer Stunde am Tag. Über das Grundschulalter hinweg wird dann die Internetnutzung zunehmend auch mobil. Bei den Fünftklässlern hat schließlich schon Dreiviertel ein internetfähiges Smartphone. Und das nutzen sie auch intensiv. Wen wundert’s? Offenbar die Eltern. Die konditionieren ihre Kleinen erst zunehmend grenzenlos auf die verblödende, kleine Bildschirmwirklichkeit und wundern sich dann, dass sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Die Eltern wünschen sich mit überragender Mehrheit mehr Kinder- und Jugendschutz im Internet. Klar, schließlich sind ganz legal Gewalt, Pornografie und Extremismus im WWW selten arg viel weiter als ein, zwei Klicks entfernt. Genauso wie zahllose verquere parawissenschaftliche, verschwörungstheoretische und demagogische Wahrheitsklitterungen. Für Jugendliche schon eine Herausforderung, für Kinder tatsächlich ein Dschungel. Was haben die also ohne ihre Eltern im Netz zu suchen? Es ist doch ein See nicht wegen seiner Tiefe fürs Ertrinken verantwortlich, sondern derjenigen, der einen spaßbadverwöhnten Nichtschwimmer dort in der Mitte ohne Hilfe ins kalte Wasser wirft. Ein verheerendes Armutszeugnis der gegenwärtigen Elternschaft, wenn sie mehrheitlich die Erziehungsverantwortung für einen wesentlichen Bestandteil unseres modernen Lebens lieber delegieren wollte, als selbst ausreichend für Begleitung und Grenzen zu sorgen. Die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig setzt dem dann das paternalistische i-Tüpfelchen auf, wenn sie da gar auch noch die Wirtschaft in die gesetzliche Pflicht nehmen will. Die Hersteller müssten nach Schwesigs Willen eine vorinstallierte und voraktivierte Jugendschutzsoftware obligatorisch auf allen Endgeräten einrichten. Damit die Eltern künftig vollkommen hirnlos ihre Kinder alleine im Netz abtreiben lassen können. Vermutlich wird Schwesig dann auch bald die Swimmingpool-Hersteller auf Höchstwassertiefen von 50 Zentimetern vergattern und die Seepferdchenpflicht an Seen fordern, weil immer weniger Kinder schwimmen lernen. Von ihren Eltern nicht beigebracht bekommen.

Mal im Ernst

März 2015 – Lassen Sie sich bloß kein X für ein Y aufmalen. Und schon gar nicht ein S. Sonst wird aus der Kanalisierung positiver Energie eine Blockade oder gar die Umkehrung ins Negative. Also jedenfalls, wenn ich das mit der neuen Homöopathie halbwegs richtig verstanden habe. Da fallen jetzt endlich die sinnlosen Zuckerkügelchen weg, geheilt wird nur noch durch das Malen von Zeichen auf den Körper – Malen gegen Qualen. Toll, dann spart man sich die teuren Globuli. Dafür kann man sich dann locker die Körbler®-Ratgeber, -Universalrute, -Symbolkarten oder das Körbler®-Himalaya-Experimentierwasser kaufen. Wozu? Lassen wir die Experten von natur-wissen.com zu Wort kommen: „In der Neuen Homöopathie werden die Körbler-Zeichen zum einen am Körper, zum Beispiel an speziellen Akupunkturpunkten, aufgemalt, um [mit der Universalrute] getestete Disbalancen auszugleichen. Zum anderen nutzt man in der Neuen Homöopathie das Körbler’sche Umkehrprinzip der Systeminformation auf der emotionalen und mentalen Ebene, wenn man mithilfe der Sinus-Welle emotionale Belastungen, Traumata oder mentale Blockaden umschreibt. Dabei werden negativ testende Schlüssel- oder Reizworte und die damit verbundenen belastenden Gefühle aufgeschrieben, um sodann mit dem passenden Umkehr-Zeichen der Neuen Homöopathie übermalt zu werden. Die so entstandene Umkehrinformation wird anschließend in Verbindung mit einer durch Y-psilon verstärkten Lösungs-Affirmation vom Betroffenen selbst auf ein Glas Wasser geprägt. So lässt sich ganz einfach ein informiertes ‚Heil‘-Wasser herstellen, dass [sic] zu 100% auf die individuelle Situation angepasst ist.“ Noch Fragen? Wer Körbler ist? Erich Körbler ist ein ehemaliger Elektriker der österreichischen Post (www.psiram.com/ge/index.php/Erich_Körbler). Und er ist der Erfinder der „Neuen Homöopathie“ und weiterer Verfahren, um die Menschheit für dumm zu verkaufen. Energieaufbaubetttücher, Elektrosmog-Strichcodes, Baumblüten-Essenzen oder die Körbler®-Klosterbürste mit Stil sichern seinen Jüngern das Geschäft. Das ist das A und O der Esoterik.

Das hab ich gefressen

Januar 2015 – „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, hieß es in meiner Kindheit jedes Mal, wenn ich versuchte die Tomatensuppe mit Reis zu verweigern. Ansonsten musste ich das selten hören. Ich war ein Kind, das in fremden Haushalten auf die freundliche Frage der Gastgeber nach Essensvorlieben stets als Allesfresser vorgestellt wurde. Nachdem die Geschichte mit dem in der Tomatensuppe bis zum Aufquellen ertränkten Reis bei uns zu Hause wohl ziemlich einzigartig war, war das auswärts nicht der Rede wert. Die Frage, „was hättest du denn gerne zum Essen“, wurde von meiner Mutter also immer vorauseilend in meinem Namen beantwortet: „Egal, der Gerd ist Allesfresser.“ So was gibt es heute nicht mehr. Es bleibt keine Zeit mehr, nach Vorlieben zu fragen. Die Klärung von Abneigungen, Empfindlichkeiten, Unverträglichkeiten und Unbekömmlichkeiten bis zu Allergien und Intoleranzen dauert zu lange. Und vor allem dann erst noch die Erkundung der Essensreligionszugehörigkeit: Freeganer, Flexitarier, Vegetarier ganz einfach oder die Ovo- oder Lacto-Variante, Frutarier, Pescetarier, Rohkostler oder so sakrosankt vegan, dass man sich sogar die Peitsche für durchschlagend erotische Stunden bei KinkyVegan aus Kunstleder handfertigen lässt. Unvermeidlich dass es da zur Gegenreformation kommen musste. Paleo heißt das jüngste Abendmahl. Ernährung, wie man sich die Steinzeit vorstellt. Fisch und Fleisch, Obst und Gemüse, Nüsse und Samen, Eier. Menschliche Kulturerrungenschaften sind verpönt. Kein Zucker und Salz, keine Getreide- oder Milchprodukte. Von Bier und Wein ist weniger die Rede. Wahrscheinlich lässt sich die eigene Borniertheit nicht nüchtern ertragen. Oder man braucht ab und wann einen Schluck, um die Diskrepanz zwischen fehlenden wissenschaftlichen Belegen und ausufernder Ratgeber-Literatur auszublenden. Okay, zugegeben, es hat auch seine Vorteile: Reis steht auf dem Steinzeit-Index, kann dementsprechend gar nicht erst in die Suppe kommen. Aber ich ecke auch sonst als Alles-außer-Reis-in-der-Tomatensuppenkasper kaum an. Ein wenig urzeitlich fühlt man sich als Allesfresser aber inzwischen schon. So dinomäßig: recht gesund, aber trotzdem eine aussterbende Rasse.

Auffaltend

November 2014 – Sich das Gesicht mit Nervengift aufblasen zu lassen, ist unverändert ein boomendes Geschäft. Die Aktien des Botox-Herstellers Allergan sind zwischen Anfang 2009 und Anfang November 2014 von 41,49 US-Dollar auf über 196 US-Dollar geklettert. 53 Milliarden US-Dollar hat man Allergan für die Übernahme geboten. Kein Wunder, denn 2,3 Milliarden Umsatz macht das Unternehmen gerade jährlich allein mit Botox. Beim Arzt wird der Stoff dann mit 200 Prozent Aufschlag auf den Einkaufspreis gedealt – das ergibt einen 7-Milliarden-Dollar-Markt. Angefixt werden die Schönheitssüchtigen nach dem Tupperware-Prinzip auf Botox-Partys. Beim ersten Mal kommt man meist billig davon. Ein Paar Krähenfüße glatt bügeln, ist für 100 Euro zu haben. Allein, nach drei bis sechs Monaten fällt der schöne Schein wieder in sich zusammen und bald giert man nach einem neuen Schuss. Wie sollte man auch sonst seiner Umwelt den plötzlichen Rückverfall erklären. Und dann finden sich ja auch andernorts nicht ideale Lebenszeichnungen – hängende Mundwinkel oder Augenbrauen, Stirnfalten oder gekräuselte Oberlippen – da kommen leicht mal 500 Euro und mehr für eine Behandlung zusammen. Wem die Einstiegsdroge Botox irgendwann zu profan ist, lässt sich für 1.000 Euro Goldfäden unter die Haut ziehen oder für 800 Euro je Injektion Goldstaub mit Luftdruck ins Gesicht schießen. Und schon ist man schön. Schön blöd.

Atemlose Herrlichkeiten

September 2014 – Oktoberfestzeit. Wo man auch hinschaut, recken sich einem gut ausgefüllte Dirndlausschnitte entgegen. Ungeahnte Prachtvielfalt. Kein Wunder aber, ist doch das Dirndlmieder quasi der urzeitliche Vorläufer des Wonderbra. Wo die Damen offenherzig wenig mit den Reizen geizen, wollen sich auch die Burschen nicht lumpen lassen und präsentieren stramme Wadln unter der kurzen Lederbux. Wer allerdings nur mit Steckerlhaxen aufwarten kann, besorgt sich besser Wadenstrümpfe mit eingenähten Schaumstoffmuskeln – „königlich-bayerische Wadl-Implantate“. Wenn dann Männlein und Weiblein angesichts solchen gepushten Sex Appeals ins Schwitzen geraten, muss man sich auf seine Achselpads unter der Dirndlbluse respektive dem Landhausmodenhemd verlassen können, getreu der Herstellergarantie: „Der starke Saugkern unserer Achselpads nimmt den frisch gebildeten Achselschweiß sofort auf. Dadurch haben die Hautbakterien keine Chance, an Ihrer ‚persönlichen Duftnote’ zu arbeiten.“ Will heißen, dann kann man sich nicht riechen und erspart sich so die ernüchternde Offenbarung sinkender und schwindender Proportionen beim After-Wiesn-Tête-à-Tête.

Wir treiben ab

August 2014 – Eine bedenkliche Geschichte ging Anfang August durch die Presse: Ein australisches Pärchen lässt das gesunde Neugeborene bei der thailändischen Leihmutter abholen, den am Down-Syndrom leidenden Zwillingsbruder aber zurück. Vorher hatten die biologischen Eltern vergeblich versucht, die Leihmutter zu einer Abtreibung zu bewegen. Sie hatten gemeint, bevor man ein krankes Kind habe, wolle man lieber gar keines. Schier unvorstellbar, die da vorgetragene Leichtigkeit des Unanständigen. Das Leben degradiert zur Konsumware. Das Töten nur noch ein leidiges Übel der Lebensabschnittspartnerschaftsplanung.

Grund genug einen tieferen Blick auf die Selbstverständlichkeit von Abtreibungen in unserer Gesellschaft zu werfen. 102.800 Schwangerschaftsabbrüche waren laut Statistischem Bundesamt 2013 in Deutschland gemeldet. Davon nur vier Prozent aus medizinischen Gründen oder wegen Vergewaltigungen, der ganze Rest, 96 Prozent, entsprechend der Beratungsregelung. Fast 100.000 Abtreibungen also allein, weil es die Eltern eben so wollten. Offiziell. Die Dunkelziffer ist hoch, weil die Eingriffe zum Beispiel im Ausland vorgenommen werden oder der durchführende Arzt anders abrechnet. Die Fachleute gehen von einer mindestens doppelt so großen Zahl aus: 200.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr ohne medizinische Not.

Auf der anderen Seite die Geburten. Die letzten verbindlichen Zahlen liegen für 2012 vor. 673.544 waren es da. Das heißt, in Deutschland kommen auf zehn Lebendgeborene drei willentlich Abgetriebene. Das ist ein erschreckendes Verhältnis, das wohl die Wenigsten so erwartet hätten. Ohne Abtreibungen wären wir keine schrumpfende Gesellschaft.

Es drängt sich einem auf, die Ursachen im modernen Selbstverständnis partnerschaftlicher Beziehungen zu suchen. Zumal in Zeiten, in denen die Ideale von verantwortungsvollen Bindungen nicht zuletzt telemedial mit Füßen getreten werden. Von Bauer sucht Frau über Der Bachelor und Die Bachelorette – eine Horde Frauen balgt um einen Mann/eine Horde Männer buhlt um eine Frau – bis zu dem was uns im Herbst auf Sat.1 erwartet: die Fernsehinszenierung von echten, rechtswirksamen Trauungen Wildfremder – standesamtlich und kirchlich – Married at First Sight.

Eine ethische Bedeutung wird mit Partnerschaft, Ehe und Familie offensichtlich immer seltener verbunden. Kann so aber Menschsein überhaupt funktionieren? Ist ein Gemeinwesen vorstellbar, das mit seiner kleinsten Organisationseinheit nicht auf gegenseitige Verpflichtetheit und die Verantwortung für das Fortbestehen des Lebens gründet? Wer sollte diese Rolle sonst übernehmen?

Beim Ersatz der gegenseitigen Verantwortung für Unterhalt, Haushaltsführung oder der sozialen Fürsorge könnte man sich den Staat ja noch vorstellen und tatsächlich nehmen öffentliche Stellen mehr und mehr diese Rolle ein. Aber wie schaut es mit den genauso lebenswichtigen soft skills aus: Liebe, Geborgenheit, Mitgefühl. Geht das ohne tiefe Vertrauensbasis und zwischenmenschliche Verpflichtung und Verbundenheit? Es braucht doch dazu unweigerlich Verlässlichkeit.

Sich miteinander verbinden. Verbindlichkeit.

Wo stets Brüchigkeit zu fürchten ist, lässt sich kein großes Werk errichten; schon längst kein unweigerlich lebenslanges wie Kinder. Ohne den ernsthaften Versuch der freiwilligen Selbstverpflichtung, für ein dauerhaftes Gelingen gemeinsam beitragen zu wollen, muss Familie scheitern. In knapp einem Viertel der deutschen Haushalte mit Kindern ist nur noch ein einzelner Erzieher da. 75 Prozent aller Haushalte umfassen maximal zwei Personen. Wer als Neuankömmling auf dieser Welt die Schwangerschaft überlebt, kann sich schon mal mit großer Wahrscheinlichkeit auf Beziehungsarmut einstellen.

Es verwundert dann kaum, dass daraus keine Prägungen für die Wertschätzung von Familie und Gemeinschaft entstehen. Ein Teufelskreis.

Und noch einmal, wenn sich die Menschen nicht selbst einander verpflichten und die Verantwortung für Kinder übernehmen, wer soll es dann übernehmen? Öffentliche Zeugungs- und Erziehungsanstalten? Da grüßen schon schauerhaft die Reproduktionsfabriken von Aldous Huxleys Schöner neuer Welt.

Man mag es drehen, wie man will: Freies Leben erfordert elterliche Verantwortung. Wer dem eigenen Dasein ein wenig Glück abgewinnen kann, sollte sich darüber in seinen Lebensentscheidungen Gedanken machen. – Und, nein, das ist nicht zu viel verlangt von jungen Menschen. Das ist vielmehr das Mindeste, was man von ihnen an Nachdenken über sich und das Leben erwarten darf.

Wo man singet, lass dich ruhig nieder

Juni 2014 – Vor den Spielen der Nationalmannschaft weisen unsere Reporter im Stadion schon seit längerem gerne darauf hin, dass die Fernsehzuschauer den Text der Nationalhymne auf Videotext-Tafel 150 finden könnten. Traurig, traurig, dass man solches heute offenbar für nötig erachten muss. Dem durchschnittlichen deutschen Fernseher ist wohl die selbständige Wiedergabe der acht kurzen Textzeilen – einschließlich einer Wiederholung – nicht mehr wirklich zuzutrauen. Wie erschauern wir andererseits, wenn die chilenischen Spieler, Funktionäre und das halbe WM-Stadion in Rio de Janeiro nach dem Ende der offiziellen Musikbegleitung allesamt einfach weiter singen, um auch noch den Kehrvers ihrer Hymne raumnehmend anzustimmen: Teure Heimat erhör jene Schwüre, / Die Dir Chile Am Altar entbot: / Als sein Grab Dich der Freie erküre, / Oder Zuflucht sei du vorm Despot. Ein billiges FIFA-Hymnen-Zeitkorsett von 90 Sekunden reicht nicht einen Deut weit, um der chilenischen Feier ihrer Freiheit auch nur ein paar Worte abzuschneiden. Der Hinweis auf irgendeine Videohymnentexttafel käme im chilenischen TV vermutlich einer nationalen Lächerlichkeit gleich.

An anderer Stelle ist es aber auch besser, wenn allerseits nicht so genau auf den Text geachtet wird. Zu den Waffen, Bürger! / Formt Eure Schlachtreihen, / Marschieren wir, marschieren wir! / Bis unreines Blut / Unserer Äcker Furchen tränkt!, singen die Franzosen als Refrain der Marseillaise. Freiheit kommt da überhaupt nur ein einziges Mal vor und das erst in der sechsten Strophe – die auch ohne FIFA-Zeitregime selten zum Vortrag kommt. Ansonsten wird geblutet, gewürgt, niedergemacht und zerfleischt. So manches Hooligan-Geschrei ist dagegen Kinderkram.

Die Ideale der Aufklärung sind dann doch eher in August Friedrich Hoffmann von Fallerslebens Text von 1841 zu finden, der bereit war, für solch aufrührerische Lyrik sein öffentliches Auskommen als Literaturprofessor zu opfern. Für die Freiheit. Den mutigen Vordenkern und -kämpfern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ist es zu danken, dass wir heute Einigkeit und Recht und Freiheit / Sind des Glückes Unterpfand singen können, wenn wir’s denn können. Wenn wir uns darauf besinnen würden, dann wüssten wir vielleicht auch anderer Stelle, wofür es wirklich wert ist, sich brüderlich mit Herz und Hand einzusetzen. Und dass sich Freiheit und Glück und auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine Gemeinschaft nicht von selbst ergeben, sondern stets aller Streben bedürfen.

Was für ein flammendes Plädoyer der Zukunftsträchtigkeit, unsere Hymne. Welch ein Trauerspiel, mit wie wenig Bewusstsein wir sie pflegen.

__ Der Artikel ist der 3. Teil der Serie #WMSplitter auf der Facebook-Seite von Neues aus Absurdistan

Generation X

Mai 2014 – Eine Professorin hat sich jüngst in der Ansicht verstiegen, dass sich Studenten häufig diskriminiert fühlen, weil sie als „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden: „Es gibt auch noch mehr als Frauen und Männer. Ganz viele Menschen identifizieren sich nicht damit, Frau oder Mann zu sein. Viele wollen auch nicht das eine oder andere sein.“ – Nein, Sie brauchen nicht fragen, in welcher Stadt diese(r) LehrkörperIn ihr sta(a)t(t)liches Gehalt bezieht, Sie vermuten richtig. Das haben die Berliner jetzt, vom „arm aber unisexy“. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Seitdem das Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg letztes Jahr mit der Mehrheit von Piraten, SPD, Grünen und Linken die Einrichtung von öffentlichen Unisex-Toiletten für Geschlechtsunentschlossene verfügt hat, weiß so mancher Berliner offensichtlich nicht mehr, ob er Männlein oder Weiblein ist. Das kann in die Hose gehen. Bei den Piraten heißt das dann „Liquid Democracy“. Wobei eigentlich hatten sie im Bezirksparlament ja nur „Eintopf für alle“ gefordert … aber darüber hatten wir ja schon berichtet.

Zurück zu Lann Hornscheidt, Profess-x am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität. Die/der/das ist überzeugt, dass das generische Maskulinum – also dass die männliche Form verwendet wird, wenn das Geschlecht nicht relevant ist – durch seine Verwendung soziale Wirklichkeiten schafft. Will sagen, wer von „die Studenten“ spricht, verfestigt das Männliche als Norm des universitären Daseins. Einmal abgesehen davon, dass das erst ins generische Maskulinum hineininterpretiert werden musste, damit es ein Problem werden konnte, gerät jetzt Hornscheidt in ein Dilemma zwischen Feminismus und Egalitarismus: „Studentinnen“, ob mit großem oder kleinen I, hätte ja den gleichen Effekt, nur eben weiblich. Daher schlägt sie eine neue, neutrale Geschlechtsendung vor: -x, gesprochen „ix“, also Studierx [Studierix], Professx [Professix], Verkäuferx [Verkäuferix], Pizzadienstfahrx [Pizzadienstfahrix] … Da werden wir uns dann bald alle wie in einem kleinen gallischen Fischerdorf 50 vor Christus vorkommen – wobei dort Verleihnix, Automatix, Methusalix et cetera eindeutig Männernamen sind, während die Damen Gutemine, Jellosubmarine oder Gelatine heißen. Macht nix, nervt aber. Und lässt ahnen, in welchen Dimensionen der Sinnlosigkeit wir uns zu verlieren beginnen. Danach kommt die Matrix.

Das ist Wahnsinn

Mai 2014 – Wir sind allesamt gestört, meint der Bestseller-Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in seinen Büchern und zuletzt in einem prominent platzierten Interview der ZEIT. Die Mehrheit der Deutschen leide an einer narzisstischen Störung – und ganz besonders alle Politiker. Weil sie quasi krankhaft danach streben, etwas bewirken zu müssen und die Wirkung dann auch ganz gern mit ihrem Namen in Verbindung gebracht sehen wollen. Maaz behauptet natürlich, dass die ganzen schlimmen Politiker nur wegen ihres Narzissmus nach Macht streben und etwas bewirken wollen, und belegt das eben damit, dass alle nach Macht streben und etwas bewirken wollen. Die Behauptung, dass es ihnen gar nicht um die Sache geht, hängt er einfach als Axiom in den Raum.

Das sind billige Taschenspielertricks. Was für ein Unsinn, Politikern Extrovertiertheit und Streben nach Einfluss als psychische Störung vorzuwerfen. Wie soll denn Politik anders funktionieren, als in der merkbaren öffentlichen Darstellung und im Ringen um Positionen, in denen man seine Vorstellungen verwirklichen kann? Tatsächlich ist es außer fürs Geschäft der Therapeuten wenig hilfreich das Leben an sich mehr und mehr zu pathologisieren und Binsenweisheiten als Krankheiten zu stilisieren. Der ganz normale Wahnsinn unseres menschlichen Daseins braucht nicht mehr psychiatrische Behandlung, sondern die Auseinandersetzung miteinander.

Und genau hier entfalten Maaz’ Eigenreklame-Thesen ihre fatale Wirkung. Solch leichtfertiges Abstempeln der Politiker als kaum heilbare Kranke signalisiert den Bürgern: Auseinandersetzung ist zwecklos – lass die armen Irren mal alleine ihr Politikspiel machen und pfleg’ derweilen lieber deine eigenen Neurosen. Maaz gibt der wohlständig satten Politikverdrossenheit die Legitimation. Was soll ich mich mit politischen Programmen auseinandersetzen, Debatten verfolgen oder Wählen-Gehen, wenn alles eh nur zur Befriedigung der Eitelkeiten einer narzisstischen Politikerkaste inszeniert wird.

Tatsächlich sind Politiker nicht mehr und nicht weniger meschugge als der Rest der Menschheit (wobei ja, wenn man die Psychotherapeuten fragt, eh jeder mindestens zwei behandlungswürdige psychische Erkrankungen mit sich herumträgt). In Wirklichkeit entwickelt sich unser Gemeinwesen umso besser, je mehr sich Politiker der öffentlichen Auseinandersetzung stellen. Man muss die Akteure dabei nur ansprechen und wird ganz schnell selber merken, wem es manchmal nur um den schönen Schein geht und wo Bereitschaft zur inhaltlichen Beschäftigung herrscht. In diesen Tagen gibt es wieder zahlreiche Gelegenheiten dazu auf Wahlkampfständen und Wahlkampfveranstaltungen zur Europawahl. Also hören Sie nicht auf Ihren Psychiater, das Verrückte am Leben ist ganz normal. Und unterschätzen Sie Ihre Möglichkeiten zur politischen Mitgestaltung nicht. Ich rate zu Informieren, Debattieren und am 25. Mai 2014 die Stimme abzugeben.

Die Affen rasen durch den Wald

März 2014 – Das schöne Wetter der letzten Tage treibt dieses Jahr frühzeitig die hippen Frischluftsportfanatiker ins Freie beziehungsweise von den sitzbeheizten und kunstbeschneiten, durchbeleuchtet und -beschallten Wintersport-Ressorts hinaus in Berg und Wald und Strom und Feld. Den Weihnachtsspeck in die Radlerhose gezwängt, die Nordic-Walking-Stöcke gespitzt, die E-Mountainbike-Batterie geladen, das Weißbier in die Trinkblase gefüllt und los kann’s gehen. All überall zwischen den Tannenspitzen seh’ ich bunte Kasperl flitzen. Es begann alles damit – ich meine, es muss in den Achtzigerjahren gewesen sein –, dass aus Dauerlaufen Jogging wurde. Und aus Gymnastik Fitness. Und Aerobic (nachdem Jane Fonda in Rente gegangen ist, heißt’s inzwischen Zumba). Da wurde aus Sport Mode und die treibt seither immer seltsamere Blüten. Der jüngste Spross nennt sich MovNat – Natural Movement – bewegen wie in der Steinzeit. Spektakuläre, wiederentdeckte Bewegungsabläufe wie Krabbeln, Baumeln und Hüpfen verbunden mit einfallsreichen Spielideen wie Steinstoßen, Baumstammschleifen und Wassertreten. MovNat muss man selbstredend erst im Workshop lernen. Bei gut bezahlten Fitness-Profis, „welche die rohe Anpassungsfähigkeit des menschlichen Fleisches und Geistes schätzen“, damit du mit Movnatting (sic!) deine „wahre Natur wiederentdeckst“. Offenbar reizvoll genug, dass sich immer mehr für Geld zum Affen machen lassen. Die REvolution des aufrechten Gangs.

Sauglose Zukunft

Februar 2014 – Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann. Doch Mutti wird bald Tuten und Blasen vergehen. Weil ihr Sauger nämlich demnächst nur noch auf dem letzten Loch bläst. Ein paar Heinzen aus der Europäischen Kommission nehmen ihr nämlich die Luft aus dem Beutel. Nach zwölf Jahren windigen Versuchen mit europäischem Normstaub auf europäischem Normflokati hat man beschlossen, dass ab Herbst diesen Jahres 1600 Watt beim Saugen reichen müssen und ab 2017 nur noch 900 Watt „Nennleistungsaufnahme“. Blasen darf man nach wie vor unbegrenzt. Noch. Die Absicht ist fraglos ehrenwert. Energiesparen ist tatsächlich die bessere Energiewende. Aber warum muss es denn wieder die totalitäre Anmaßung des Wissens sein. Sind wir nicht eigentlich der Kulturkreis der Aufklärung. Es fällt ja vielleicht nicht bei jedem immer gleich der Groschen, aber steigende Energiepreise wirken meist schnell bewusstseinserweiternd, nennleistungsaufnahmebewusstseinserweiternd. Außerdem könnte man auch kehren. Oder wischen. Oder die Menschen kämen auf die Idee, einfach weniger zu saugen. Etwas mehr Staubtoleranz würde dann vielleicht unsere enorme Allergieanfälligkeit mindern. Schier unglaubliche volkswirtschaftliche Wohlfahrtseffekte könnten daraus erwachsen. Wenn es nur die Kommission nicht hätte besser wissen wollen.

Versprachlosung

Januar 2014 – Elomen elomen lefitalominal / Wolminuscaio / Baumbala bunga / Acycam glastula feirofim flinsi / … okay, okay ich erspare Ihnen die restlichen zehn Verszeilen; es geht so weiter. Bei dieser Buchstabensuppe handelt es sich um ein „Gedicht“ von Hugo Ball überschrieben mit Wolken. Ergüsse einer eigentlich heute längst bedeutungslosen Entgleisung des literarischen Kulturbetriebs zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Allein wegen der eingängig klangvollen Gattungsbezeichnung Dadaismus ist diesem Genre noch ein Quäntchen Erinnerung geblieben. Wobei man da heute aber eher an ein Synonym für gaga denkt, als dass sich noch jemand an irgendwelche Hintergedanken des Dadaismus erinnert, die es in beachtenswerter Form wahrscheinlich nie gegeben hat.

Das alles wäre wirklich nicht der Rede wert, wenn nicht Neuntklässler in bayerischen Gymnasien dazu aufgefordert sein würden, solche Sinnlosigkeiten einer marginalen Literaturblase in ihre Schulhefte zu übertragen und das Abgeschriebene dann als emotionalen Vortrag vorzubereiten. Und es wäre auch leichter verständlich, wenn von ihnen Gleiches schon zu Gedichten von Heine, Goethe, Schiller, Lessing oder Hölderlin gefordert gewesen wäre. Aber nein, allein Hugo Ball und seinen unsinnigen Kunstworten kommt diese Ehre zu. Als wären in Romantik, Sturm und Drang, Aufklärung und Klassik nicht auch Verse emotional rezitierbar. Die würden dann tatsächlich auch noch zusätzlich Sinn machen. Wir sind ja, mit Verlaub, keine Affen, die nur grunzen können, um ihre Gefühle mitzuteilen. Uns hat die Evolution zur Sprache befähigt. Eigentlich.

In der Tat lässt unsere Sprachbefähigung gravierend zu wünschen übrig. Die Begeisterung bayerischer Germanisten für Dada ist da wahrscheinlich nicht ursächlich. Aber Metapher. Die Pisa-Studie für Erwachsene, Piaac, hat unsere wachsenden Kommunikationsdefizite Ende letzten Jahres einmal mehr offenbart: 17,5 Prozent der Deutschen, also fast jedem fünften erwachsenen Bundesbürger, fehlen Basiskenntnisse im Lesen, so dass sie zum Beispiel aus einem kurzen Katalog mit ein paar einfachen Regeln nicht herausfinden können, bis wann ein Kind spätestens im Kindergarten sein sollte, obwohl gleich die erste Anweisung schlicht lautet: „Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind bis 10 Uhr hier ist.“

Für eine Kultur, die eben nicht auf uga uga und baumbala bunga baut, sondern elementar auf Sprache, ist das fatal. Die Philosophin Hannah Arendt sah in der Kommunikation, im Finden der rechten Worte für alles Zwischenmenschliche, die grundlegendste Form des Handelns, das eine Gesellschaft begründet und erhält. Sprechen ist im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck der individuellen Freiheit, die das Gemeinsame gestaltet. Die Ausdrucksfähigkeit in Wort und Schrift ist der Mörtel einer demokratischen Gesellschaft.

Wenn laut dem Rat für deutsche Rechtschreibung nur noch jeder fünfte Schüler in der neunten Jahrgangsstufe die (neue, vereinfachte) deutsche Rechtschreibung beherrscht und diverse Kultusminister auf solche Hiobsbotschaften mit der abstrusen Idee reagieren, dass man dann zum „Lernen“ gleich schreiben darf, wie man’s gehört hat und die Rechtschreibung gar nicht mehr korrigiert wird, dann zeugt das von der vorauseilenden öffentlichen Kapitulation vor diesen Herausforderungen der offenen Gesellschaft. Genauso wie klassische Schullektüren in gekürzter Form, vereinfachter Sprache und bebildert. Warum nicht gleich statt Schillers Glocke: Loch in Erde / Bronze r’in / Glocke fertig / Bim Bam Bim – und ein Video dazu?

Dass inzwischen RTL-II-News die Tagesschau bei den 14- bis 49-jährigen Zuschauern abgehängt hat, lässt erahnen, wie weit wir schon fortgeschritten sind in unserer zersetzenden Sprachlosigkeit. Emotionen statt Nachrichten. Grunzen statt Worte. Elomen elomen lefitalominal / Wolminuscaio / Baumbala bunga … und so weiter, statt: Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.

Süßer die Doggen nie klingen

Dezember 2013 – Den Besuch beim Hundeweihnachtsmarkt im Nachbarort hab ich mir dann doch verkniffen. Die Vorstellung von hundeglühweintrunkenen Dackeln, die „Oh Tannenbaum, oh Pinkeltraum“ grölen, hat mich abgeschreckt. – Wer an dieser Stelle eine unangemessene Übertreibung des Autors empfindet, möge einmal bei YouTube „singing dog“ eingeben und sich den einen oder anderen der über 1,7 Millionen durchweg sinnfreien Beiträge antun. – Zugegeben, in Wirklichkeit gibt es gar keinen Glühwein für Hunde, nicht einmal Wein gibt es für Hunde; nur für Katzen (Nyan Nyan Nouveau). Hunde werden eher männlich verortet. Die trinken Bier (Schwanzwedler). Und bekommen dann natürlich einen Bierbauch; in den USA ist schon jeder zweite Vierbeiner zu fett. Das scheint bei uns durchaus auch ein Thema zu sein. Warum sollte es sonst Fitnesstrainer für Hunde und prophylaktische Dog-Physiotherapien geben? Die Mädels achten wie immer deutlich mehr auf ihre schlanke Linie und bestellen bei Frauchen gleich nur Katzenwasser (99 Cent die 1,5l-PET-Flasche), stilecht kredenzt im elektrisch umwälzenden Trinkbrunnen. Dem gemeinen Mops bleibt da nur Frustfressen mit jahreszeitgemäßen Hundeplätzchen, zum Beispiel den „Winter Stars“ mit Apfel und Zimt gebacken, natürlich alles Bio und ohne Aroma- und Konservierungsstoffe – wahlweise auch aus dem Adventshäuschen „Bello“ mit 24 Türchen: „Verkürzen Sie die Zeit, die ihr vierbeiniger Freund auf Weihnachten warten muss.“ Ja, ja und am Heiligen Abend bellen wir dann alle zusammen „Euch ist ein Welplein heut’ gebor’n.“

Krankenscheinheiligkeit

September 2013 – Am eingeklemmten Freitag krankgeschrieben wegen einer ganz unvermittelt aufgetretenen Sommergrippe und dann auch noch Pech, dass man tags drauf am Samstag beim Baden – weißt du, da ging’s mir plötzlich wieder viel besser – in eine Scherbe getreten ist, weswegen man dann nicht gleich ins Krankenhaus fährt, sondern mit dem Arztbesuch bis Montag wartet. – Ein missleidiger Auftrag und schon sind just die beiden, die ihn erledigen sollen, gerade in dieser Woche krank. Gleichzeitig, gleich lang. – Wundersame Heilung erfahren hingegen mehrtägig Kranke gegen ärztlichen Rat gerne am Freitag, wenn Sie am Wochenende auf eigene Kasse tätig werden wollen. – Sehr beliebt auch die kryptische, aber nichtsdestoweniger urlaubsverlängernde Krankmeldung per Fax aus fernen Ländern. – Zumindest in meiner Wahrnehmung haben solche Geschichten geradezu epidemische Inflation.

Die Arbeitsmoral liegt danieder. Das Bewusstsein, dass, wenn man nicht selbst es tut, andere zur Erwirtschaftung des eigenen Lohns arbeiten müssen, schwindet. Wer dementsprechend auch noch zu blöd ist, sich fürs Blaumachen selber was auszudenken, schaut bei www.krankheit-simulieren.de oder www.richtig-krankmachen.de nach oder auf unzähligen anderen Webpages. Oder bei den Krank-Schmink-Tipps von Bravo oder in Artikeln von Men’sHealth, Amica oder in der taz; die meint bei Hitze am Arbeitsplatz dürfe man „Selbstverständlich blaumachen“.

Das alles in Zeiten historisch und global niedrigster Arbeitsbelastung: 30 Tage bezahlten Urlaub haben die deutschen Arbeitnehmer durchschnittlich, außerdem zum Beispiel hier in der Gegend 13 gesetzliche Feiertage; je nachdem, wie die liegen, sind das zwischen sieben und neun freien Wochen im Jahr – plus alle restlichen Wochenenden, also insgesamt zwischen 87 und 94 arbeitsfreie Tage pro Jahr bei Vollzeitbeschäftigung.
Dazu kommt die weltweit beinahe einmalig niedrige durchschnittliche effektive Arbeitsleistung der Deutschen von 1.413 Stunden pro Jahr (2011, OECD). Das ergibt dann gerade einmal gut sechs Stunden Erwerbsarbeit pro Arbeitstag. Da könnte man sogar zwei Arbeitstage in einem schaffen (und hätte dann bei entsprechendem Überstundenausgleich rund 200 Tage im Jahr frei).

Da verschlägt es einem dann schlichtweg die Sprache, wenn angesichts solcher Fakten jemand allen Ernstes eine Anti-Stress-Verordnung im Arbeitsschutzrecht fordert, wie es die SPD in ihrem Programm für die Bundestagswahl 2013 tut (S. 21). Wegen dem „Druck“ und der „verdichteten Arbeitsabläufe“. Und den entsprechend angeblich zunehmenden psychischen Belastungen. Die sind tatsächlich inzwischen die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen überhaupt – durchschnittlich 204 Fehltage pro 100 Beschäftigten per anno.

Eine kluge Freundin hat die Realität dahinter schön auf den Punkt gebracht: Seitdem man Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems immer besser mit der Kernspintomografie untersuchen kann, nehmen die psychischen Erkrankungen zu. Bei denen bedarf es auch gar keiner großen Fertigkeiten des Simulantentums – Krank-Schminken- oder Web-Tipps können Sie sich da sparen. Denn hier treffen Diagnosewunsch und –wille aufeinander. „Patient“ und Behandler sind gleichermaßen von der Überzeugung Das-wäre-doch-gelacht-wenn-wir-da-nichts-finden getrieben. Win-win. Reste eines schlechten Gewissens beim Krankfeiern werden entsprechend leichter überwunden.

Mehr als ein Indiz sind hierfür die überbordenden Krankheitsdefinitionen der Psychiatrie. Prüfungsangst ist Krankheit. Wer mehr als zwei Wochen trauert, ist krank (in den achtziger Jahren hatte man wenigstens noch ein Jahr als psychiatrisch legitim erachtet und selbst das ließe sich ja in Frage stellen). Jedem lebhaften Kind wird flugs ADHS nachgesagt, jedem faulen kann bei Bedarf Legasthenie oder Dyskalkulie bescheinigt werden. Die Trotzphase avanciert leicht zur disruptiven Launenfehlregulationsstörung. Auch wer schüchtern ist, könnte krank sein. Wer leicht mal was vergisst, hat eine Aufmerksamkeitsstörung. Wer Alltagssorgen hat, ist depressiv. Einer von achtzig Menschen gilt als Autist. Wer sich überfordert fühlt, lässt sich gegen Burn-out behandeln, wer sich unterfordert fühlt gegen Bore-out. In fast jeder Normalität steckt inzwischen ein diagnostizierbares Krankheitsbild. In der Psychiatrie ist am Ende alles eine Frage der Definition meint der Spiegel im Artikel „Schwermut ohne Scham“ in der Ausgabe 6/2012. Ein Eldorado für Therapeuten – und Blaumacher.

Allen Frances, emeritierter US-amerikanischer Psychiatrieprofessor, eine Koryphäe des Fachs und federführend für die vierte Auflage (1994) des Diagnostischen und statistischen Handbuchs psychischer Störungen (DSM-4), dem weltweit entscheidenden Klassifikations-Manuals für psychische Erkrankungen, kommentiert die Neu-Auflage dieses Standardwerks 2013: „Ich befürchte, dass das ‚DSM-5’ viele Türen aufstoßen wird, die man später nicht mehr schließen kann. […] im ‚DSM-5’ werden die Grenzen so ausgeweitet, dass viele zu Patienten werden, die nicht wirklich krank sind, sondern einfach in einer schwierigen Phase ihres Lebens“ (im Welt-Interview vom 22.04.2013).

Und es werden solche zu Patienten, die ihr Leben gerne für krank erklärt haben wollen. Weil sie Dauertherapie einem selbständigen Dasein vorziehen (therapieren Sie schon oder leben Sie noch?). Weil die Therapie der Ablass der modernen Konsumreligion geworden ist. Weil es so leicht geworden ist, sich von jeglicher Verantwortung diagnostisch befreien zu lassen.

Und es werden schließlich solche zu Patienten, die sich ob dieser beinahe unglaublichen Leichtigkeit des Krankseins ins Fäustchen lachen. Ich bin dann mal gaga.

Erziehung ohne Grenzen

Juli 2013 – Kinder an die Macht grönemeyerte es 1986 landauf, landab. Man möge doch bitte den lieben Kindern das Kommando überlassen, hieß es, weil sie berechnen nicht, was sie tun. Na Pusteblume, ganz gewaltig wird da heute in Kinderzimmern und auf Pausenhöfen berechnet, was man nicht noch alles haben und kaufen will. Dafür sind die Kinder aber inzwischen auch tatsächlich an der Macht – an der Marktmacht. Ihr Taschengeldbudget von knapp 3 Milliarden Euro (bis 13-Jährige) ist dabei noch eher belanglos. Viel entscheidender ist das wachsende Geschick der Kinder, durch mehr oder weniger Quengeln Kaufentscheidungen zu beeinflussen. Über rund 70 Milliarden Euro verfügen sie damit, meinen Forscher vom Institut für Recht und Wirtschaft an der Universität Hamburg. Das sind immerhin fast 3 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts.

Die alltägliche Erfahrung belegt es eindrucksvoll. Man findet sie in jedem Nahkauf oder Edeka um die Ecke: die Erziehungsberechtigte mit der Lizenz zum Nervtöten. Gerne auch in der männlichen Variante. Jedenfalls begleitet vom Nachwuchs, der mit Öffnen der automatischen Schiebetür unmittelbar das Konditionierungsprogramm anwirft und schier unerschöpflich zu maulen, zu betteln und rumzuplärren anfängt. Kein Regal, das nicht mindestens mit einem neuen Quengel-Reiz aufzuwarten weiß. Die Mutter/der Vater reagieren dann in aller Regel mit Widerspruch in öffentlichkeitsheischender Lautstärke (schaut alle her, ich bemüh mich ja) und quälen sich mit einer halbwegs kreativen Wahl aus ihrem beschränkten Satz von Pseudobelehrungen: du hast doch schon/du magst das doch gar nicht/das gibt es wo anders billiger – hier in Bayern in dem Moment auch gerne bemüht hochdeutsch artikuliert. Im Idealfall solcher Pawlowscher Eltern kann der Sprössling dann bereits zum nächsten Regal weiterziehen und sich eine neue Inspiration für den nächsten Anfall suchen, während der willfährige Elternlakai das bereits Erquengelte brav in den Wagen packt.

Man denkt sich’s schon: Glücklich macht das nicht. Die UNICEF hat das jetzt auch mit einer Studie zur Lage der Kinder in Industrieländern 2013 belegt: Objektiv ist die Lebenssituation der deutschen Kinder und Jugendlichen Spitzenklasse – Bildung, Wohlstand, Gesundheit, Sicherheit, überall geht’s ihnen im internationalen Vergleich hervorragend. Bei der subjektiven Empfindung rangiert Deutschland aber am unteren Ende der Liste – in keiner anderen Industrienation ist die Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung größer. Und außerdem sind die deutschen Kinder auffallend stark übergewichtig. Wenn das mal nicht alles zusammenhängt.

Aristoteles beschreibt das Glück als Ergebnis eines tugendhaften Lebens. Und für die Tugenden des Charakters gilt, dass sowohl Mangel als auch Übermaß vermieden werden müssen. Das kommt allerdings nicht von selbst, man muss es durch Erfahrungen und Erziehung lernen. Unabhängig vom verfügbaren Reichtum ist es also wesentlich, Maßhalten zu lernen. Unvermeidbar ist dabei, Verzicht zu üben. Die elterlichen Grenzen diesseits des Möglichen sind dementsprechend die unerlässlichen Leitplanken zum Glück ihrer Kinder.

Da ist es dann auch müßig, auf die böse Industrie mit Paula, Tony Tiger, Käpt’n Iglo und Haribo-macht-Kinder-froh-Thomas zu schimpfen. Die schaffen nicht die elterliche Willenlosigkeit, die nutzen sie nur aus. Dagegen hilft nur: Eltern an die Macht!

Berlin! Hör´ ich den Namen bloß

Juni 2013 – Das macht die Berliner Luft / Luft / Luft / So mit ihrem holden Duft / Duft / Duft / Wo nur selten was verpufft / Pufft / Pufft … Na, von wegen. In Berlin verpuffen der duften Verwaltung sogar die Einwohner und mit ihnen lösen sich Milliarden in Luft auf. Die Volkszählung (Zensus 2011) hat ergeben, dass in Berlin 180.000 Menschen weniger leben, als dort verwaltet werden. Damit bekommt Berlin künftig rund eine halbe Milliarde Euro jährlich weniger aus dem Länderfinanzausgleich, weil die Hauptstadt tatsächlich – schaut man auf Steuereinnahmen pro Kopf – weniger arm ist als sie sich gibt. Dann wohl auch weniger sexy, oder? Da mussten die Berliner Politiker natürlich postwendend reagieren und haben sich mit einem Handstreich gleichzeitig wieder ärmer und mehr sexy gemacht. Unisexy. Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg baut die Toiletten in seinen öffentlichen Gebäuden um. Neben Männlein und Weiblein sollen in Zukunft auch geschlechtsunentschlossene Menschlein ihr Bedürfnis diskriminierungsfrei unter ihresgleichen verrichten dürfen. Menschen, „die sich entweder keinem dieser beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen oder aber einem Geschlecht, das sichtbar nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht“. Eingebracht wurden die zusätzlichern Unisex-Toiletten im Bezirksparlament von den Piraten, beschlossen mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei.
Schuld ist nach meiner Einschätzung das Flughafendebakel. Da ist einfach zu viel in die Hose gegangen. Und da wussten einige offenbar nicht mehr, wo sie sich ungesehen erleichtern können. Vielleicht war es aber auch nur ein Missverständnis, weil ein Berliner Pirat bei Liquor Democracy gemeint hatte, ob nicht Eintopf für alle knorke wäre. Nachdem laut PISA in Berlin die deutschstämmigen Schüler nicht besser lesen können als in Bayern die ausländischen Kinder, kann da im Kauderwelsch der Generation SMS ja leicht mal was in den falschen Kanal geraten. Da müsste eins der acht öffentlich finanzierten Berliner Sinfonieorchester vielleicht mal eine Standpauke zur Verfügung stellen. Das haben die vielleicht auch schon gemacht, nur unvorsichtigerweise den Standpauker mit der S-Bahn losgeschickt. Und so warten die Berliner heute noch vergeblich auf die öffentlichen Eingebungen.

Und die Mutter blicket stumm ...

... auf dem ganzen Tisch herum. – April 2013 – Laut dem aktuellen Arztreport der Barmer GEK ist die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent gestiegen. Entsprechend den Zahlen der Bundesärztekammer haben im gleichen Zeitraum die Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie um 33 Prozent zugenommen – von 2004 bis 2011 war es ein Zuwachs um 165 Prozent. Ein Schelm, wer da nach Henne oder Ei fragt. Der Verdacht, dass diese erstaunliche epidemische Inflation der ADHS ihren Ursprung in einem selbsterhaltenden Regelkreis aus unterlassener Erziehungsleistung und willfähriger, weil unterhaltssichernder Diagnostik hat, liegt nahe. Frau Doktor, wir lassen dem Buben doch eh schon alles durchgehen und jetzt strengt er sich nicht mal in der Schule an, der hat doch bestimmt ADHS, oder!

In Würzburg sollen 18,8 Prozent aller zehn- bis zwölfjährigen Jungen – also jeder fünfte! – und 8,8 Prozent der gleichaltrigen Mädchen ADHS haben. Fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt (und der ist schon Irrsinn, indem wir bundesweit jeden achten Jungen wegen seiner Lebhaftigkeit für behandlungswürdig krank erklären). Würzburg ist „ADHS-Hauptstadt“ titelt die Mainpost (30.1.13). Auf den zweiten Blick kein Wunder: Würzburg hat eine Universitätsklinik mit ADHS-Schwerpunkt und in Unterfranken praktizieren deutlich mehr Kinderpsychiater als andernorts. Die wollen aber ja genauso gut leben, wie die Kollegen in weniger versorgten Regionen.

Natürlich kann, darf und soll man nicht alles und jeden über einen Kamm scheren und natürlich stehen hinter der Statistik Einzelfälle mit höchst unterschiedlichen Umständen, Symptomen und Indikationen – also bitte jetzt nicht der obligatorische Aufschrei, das jemand jemanden kennt, dessen Kind aber wirklich ADHS hat. Weiß ich, kenne ich auch, sogar richtig krasse Fälle (und selbst da ist zumindest die Mitschuld des Erziehungsversagens offensichtlich).

Schaut man sich aber einzelfallunvoreingenommen das rapide Wachstum der Fallzahlen an – entsprechend denen man bereits in wenigen Jahren von einer Generation ADHS sprechen müsste – dann fallen einem wenig andere Gründe ein als die grassierende Verweigerung von Erziehung und die Abwälzung der Erziehungsverantwortung auf Therapie und Medikamente (auch wenn vordergründig gerne überbordender Bildschirmmedienkonsum, zu wenig Draußenspiel, Bewegungsmangel et cetera als Ursachen angeführt werden – wer anderes als die Eltern trägt denn dafür die Verantwortung).

Die FAZ zitierte im Beitrag Wo die wilden Kerle wohnten am 16.2.2012 die Leiterin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, Ulrike Lehmkuhl, damit, dass sie bei neun von zehn Kindern, die zu ihr mit einer ADHS-Diagnose geschickt werden, keine Verhaltensstörungen oder psychische Erkrankungen finden kann. Selbst der US-amerikanische Kinderpsychiater Leon Eisenberg, der vor Jahrzehnten ADHS zuerst als Krankheit kategorisierte und mit Medikamenten behandelte, sprach später von einer fabrizierten Krankheit und dass sowohl die Ursachen von entsprechendem Verhalten als auch die Bewältigung im sozialen Umfeld zu suchen sind.

Flower Power Now

Februar 2013 – Angesichts der mannigfaltigen Angebote, seinen Teddybär in den Urlaub schicken zu können, hatte ich in Dekadenz darüber sinniert, was in derartigen Sphären der Nutz- und Sinnlosigkeit noch für Auswüchse vorstellbar wären. Eine Aromatherapie für überstrapazierte Wohnräume war mir damals eingefallen. Eine rostfreie Pause für das Auto in der Wüste. Oder man könnte müde Topfpflanzen zur Entspannung ins Klassikkonzert expedieren. Allein, es kommt oft anders, als man denkt. Schlimmer. Homöopathische Pflanzenpflege. Belladonna gegen Mehltau. Arnika bei gebrochenen Blütenblättern. Callendula, wenn sich die Tomaten beim Pikieren die Wurzeln gestoßen haben, oder Bachblüten-Notfalltropfen, wenn Zimmerpflanzen beim Umzug in Stress geraten sind. Selbst gegen unergründlichen Mobilfunk-Smog gibt es Globuli für die Gießkanne.
Es sei jedoch dringend zu beachten, die Kügelchen nicht mit einem Metalllöffel im Wasser zu verrühren; auch Handschuhe wären hilfreich und beim Spritzen ein Mundschutz, um den Hautkontakt beziehungsweise das Einatmen dieser wirkmächtigen Essenzen – andernorts auch unter der Bezeichnung „Zuckerwasser“ bekannt – vorzubeugen. Damit wirklich nichts schiefgeht, bieten bereits erste Volkshochschulen entsprechende Kurse an. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Ihr Horoskop und befragen Sie das Pendel oder die Wünschelrute.

Flickschustern statt Vorbeugen

Januar 2013 – Ein Vergleich der „Struktur der Ausgaben der Zentralregierungen nach Verwendungszweck“ in Die OECD in Zahlen und Fakten 2011 offenbart ein eklatantes Missverhältnis in unserem Land: Unter den OECD-Ländern nimmt Deutschland den vorletzten Platz bei den Ausgaben fürs Bildungswesen ein (1,2 Prozent des Haushaltes), während wir bei den Sozialausgaben mit 47,9 Prozent des Haushaltes mit deutlichem Abstand absoluter Spitzenreiter sind. Wenn auch die Vergleichbarkeit aufgrund gewisser Unterschiede in der föderalen Ausgestaltung etwas beeinträchtigt ist, bleibt doch der Befund ziemlich eindeutig: Wir alimentieren offensichtlich lieber Bildungsferne, als dass wir versuchen, sie zu beseitigen. Einmal mehr ein Auswuchs des allseits gedeihenden Strebens nach der viel gepriesenen sozialen Gerechtigkeit. Unter dem Deckmantel der Undefiniertheit dieses Allgemeinplatzes werden die verfügbaren Mittel lieber umverteilt als investiert. Nicht fördern und fordern, sondern füttern und fernsehen lassen. Das ist weder vernünftig noch moralisch.

„Moral statt sozial“ ist auch ein Thema im aktuellen Buch mit Versuchen zu einer neuen Aufklärung. Hier geht’s zur Buchvorstellung und hier könnte es direkt bestellt werden.

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