GERD MAAS

Gesellschaft

Das alte Neue aus Absurdistan in der Kategorie Gesellschaft - 17 Beiträge

Stimmmonster

August 2015 – In der Schulzeit haben wir oft Otto nachgemacht. Im Gespräch ein nasales „jaaaaa, mein Kind“ einzuwerfen war ein Dauerbrenner. Wer halbwegs lange Haare hatte, hüpfte bei jeder Gelegenheit mit angewinkelten Pfoten und nach vorne ruckendem Kopf durch die Gänge. Oder Didi Hallervorden: Ständig kam jemand mit „Palim Palim“ durch die Klassenzimmertür. Während des Studiums war Badesalz in aller Munde. Mit „ei jei jei Frau Batz“ ließen sich so ziemlich alle Lebenslagen passend kommentieren und „es geht die Mensche wie die Leut“ war uns steter Trost. Bei mir ging das Hessisch-Babbeln irgendwann soweit, dass ich als Franke auf der Haaner Kerb hessisches Asylrecht bekam.

Heute ahmen Jugendliche das Reality-Show-Sternchen Kim Kardashian nach. Was in erster Linie bedeutet, dass sich junge Frauen ihr hübsches Gesicht mit Massen von Make-up zukleistern. Kardashians Sprechweise machen aber auch Jungs nach. „Vocal fry“ – „Stimmbrutzeln“ – ein kehliges, knarrendes Sprechen – man kann sich das ungefähr als schottischer Klon aus Orson Wells und Amanda Lear vorstellen (z.B.: https://goo.gl/2q1ykd). Vorher war der letzte Schrei „Uptalking“ – das Heben der Stimme an jedem Satzende, egal ob Frage oder nicht – weiß der Geier, welches It-Girl das erfunden hatte (z.B.:https://goo.gl/HMtn70 ). Ein bisschen abgemildert lässt sich das inzwischen alles auch in Deutschland finden.

Nun, es soll jeder reden, wie er sich selbst den Schnabel zurechtgestutzt hat. Aber irgendwie drängt sich mir da doch der Gedanke auf, dass wir damals wohl geblödelt haben, heute aber mancher sich echt verblödet.

Wir treiben ab

August 2014 – Eine bedenkliche Geschichte ging Anfang August durch die Presse: Ein australisches Pärchen lässt das gesunde Neugeborene bei der thailändischen Leihmutter abholen, den am Down-Syndrom leidenden Zwillingsbruder aber zurück. Vorher hatten die biologischen Eltern vergeblich versucht, die Leihmutter zu einer Abtreibung zu bewegen. Sie hatten gemeint, bevor man ein krankes Kind habe, wolle man lieber gar keines. Schier unvorstellbar, die da vorgetragene Leichtigkeit des Unanständigen. Das Leben degradiert zur Konsumware. Das Töten nur noch ein leidiges Übel der Lebensabschnittspartnerschaftsplanung.

Grund genug einen tieferen Blick auf die Selbstverständlichkeit von Abtreibungen in unserer Gesellschaft zu werfen. 102.800 Schwangerschaftsabbrüche waren laut Statistischem Bundesamt 2013 in Deutschland gemeldet. Davon nur vier Prozent aus medizinischen Gründen oder wegen Vergewaltigungen, der ganze Rest, 96 Prozent, entsprechend der Beratungsregelung. Fast 100.000 Abtreibungen also allein, weil es die Eltern eben so wollten. Offiziell. Die Dunkelziffer ist hoch, weil die Eingriffe zum Beispiel im Ausland vorgenommen werden oder der durchführende Arzt anders abrechnet. Die Fachleute gehen von einer mindestens doppelt so großen Zahl aus: 200.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr ohne medizinische Not.

Auf der anderen Seite die Geburten. Die letzten verbindlichen Zahlen liegen für 2012 vor. 673.544 waren es da. Das heißt, in Deutschland kommen auf zehn Lebendgeborene drei willentlich Abgetriebene. Das ist ein erschreckendes Verhältnis, das wohl die Wenigsten so erwartet hätten. Ohne Abtreibungen wären wir keine schrumpfende Gesellschaft.

Es drängt sich einem auf, die Ursachen im modernen Selbstverständnis partnerschaftlicher Beziehungen zu suchen. Zumal in Zeiten, in denen die Ideale von verantwortungsvollen Bindungen nicht zuletzt telemedial mit Füßen getreten werden. Von Bauer sucht Frau über Der Bachelor und Die Bachelorette – eine Horde Frauen balgt um einen Mann/eine Horde Männer buhlt um eine Frau – bis zu dem was uns im Herbst auf Sat.1 erwartet: die Fernsehinszenierung von echten, rechtswirksamen Trauungen Wildfremder – standesamtlich und kirchlich – Married at First Sight.

Eine ethische Bedeutung wird mit Partnerschaft, Ehe und Familie offensichtlich immer seltener verbunden. Kann so aber Menschsein überhaupt funktionieren? Ist ein Gemeinwesen vorstellbar, das mit seiner kleinsten Organisationseinheit nicht auf gegenseitige Verpflichtetheit und die Verantwortung für das Fortbestehen des Lebens gründet? Wer sollte diese Rolle sonst übernehmen?

Beim Ersatz der gegenseitigen Verantwortung für Unterhalt, Haushaltsführung oder der sozialen Fürsorge könnte man sich den Staat ja noch vorstellen und tatsächlich nehmen öffentliche Stellen mehr und mehr diese Rolle ein. Aber wie schaut es mit den genauso lebenswichtigen soft skills aus: Liebe, Geborgenheit, Mitgefühl. Geht das ohne tiefe Vertrauensbasis und zwischenmenschliche Verpflichtung und Verbundenheit? Es braucht doch dazu unweigerlich Verlässlichkeit.

Sich miteinander verbinden. Verbindlichkeit.

Wo stets Brüchigkeit zu fürchten ist, lässt sich kein großes Werk errichten; schon längst kein unweigerlich lebenslanges wie Kinder. Ohne den ernsthaften Versuch der freiwilligen Selbstverpflichtung, für ein dauerhaftes Gelingen gemeinsam beitragen zu wollen, muss Familie scheitern. In knapp einem Viertel der deutschen Haushalte mit Kindern ist nur noch ein einzelner Erzieher da. 75 Prozent aller Haushalte umfassen maximal zwei Personen. Wer als Neuankömmling auf dieser Welt die Schwangerschaft überlebt, kann sich schon mal mit großer Wahrscheinlichkeit auf Beziehungsarmut einstellen.

Es verwundert dann kaum, dass daraus keine Prägungen für die Wertschätzung von Familie und Gemeinschaft entstehen. Ein Teufelskreis.

Und noch einmal, wenn sich die Menschen nicht selbst einander verpflichten und die Verantwortung für Kinder übernehmen, wer soll es dann übernehmen? Öffentliche Zeugungs- und Erziehungsanstalten? Da grüßen schon schauerhaft die Reproduktionsfabriken von Aldous Huxleys Schöner neuer Welt.

Man mag es drehen, wie man will: Freies Leben erfordert elterliche Verantwortung. Wer dem eigenen Dasein ein wenig Glück abgewinnen kann, sollte sich darüber in seinen Lebensentscheidungen Gedanken machen. – Und, nein, das ist nicht zu viel verlangt von jungen Menschen. Das ist vielmehr das Mindeste, was man von ihnen an Nachdenken über sich und das Leben erwarten darf.

Wo man singet, lass dich ruhig nieder

Juni 2014 – Vor den Spielen der Nationalmannschaft weisen unsere Reporter im Stadion schon seit längerem gerne darauf hin, dass die Fernsehzuschauer den Text der Nationalhymne auf Videotext-Tafel 150 finden könnten. Traurig, traurig, dass man solches heute offenbar für nötig erachten muss. Dem durchschnittlichen deutschen Fernseher ist wohl die selbständige Wiedergabe der acht kurzen Textzeilen – einschließlich einer Wiederholung – nicht mehr wirklich zuzutrauen. Wie erschauern wir andererseits, wenn die chilenischen Spieler, Funktionäre und das halbe WM-Stadion in Rio de Janeiro nach dem Ende der offiziellen Musikbegleitung allesamt einfach weiter singen, um auch noch den Kehrvers ihrer Hymne raumnehmend anzustimmen: Teure Heimat erhör jene Schwüre, / Die Dir Chile Am Altar entbot: / Als sein Grab Dich der Freie erküre, / Oder Zuflucht sei du vorm Despot. Ein billiges FIFA-Hymnen-Zeitkorsett von 90 Sekunden reicht nicht einen Deut weit, um der chilenischen Feier ihrer Freiheit auch nur ein paar Worte abzuschneiden. Der Hinweis auf irgendeine Videohymnentexttafel käme im chilenischen TV vermutlich einer nationalen Lächerlichkeit gleich.

An anderer Stelle ist es aber auch besser, wenn allerseits nicht so genau auf den Text geachtet wird. Zu den Waffen, Bürger! / Formt Eure Schlachtreihen, / Marschieren wir, marschieren wir! / Bis unreines Blut / Unserer Äcker Furchen tränkt!, singen die Franzosen als Refrain der Marseillaise. Freiheit kommt da überhaupt nur ein einziges Mal vor und das erst in der sechsten Strophe – die auch ohne FIFA-Zeitregime selten zum Vortrag kommt. Ansonsten wird geblutet, gewürgt, niedergemacht und zerfleischt. So manches Hooligan-Geschrei ist dagegen Kinderkram.

Die Ideale der Aufklärung sind dann doch eher in August Friedrich Hoffmann von Fallerslebens Text von 1841 zu finden, der bereit war, für solch aufrührerische Lyrik sein öffentliches Auskommen als Literaturprofessor zu opfern. Für die Freiheit. Den mutigen Vordenkern und -kämpfern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ist es zu danken, dass wir heute Einigkeit und Recht und Freiheit / Sind des Glückes Unterpfand singen können, wenn wir’s denn können. Wenn wir uns darauf besinnen würden, dann wüssten wir vielleicht auch anderer Stelle, wofür es wirklich wert ist, sich brüderlich mit Herz und Hand einzusetzen. Und dass sich Freiheit und Glück und auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine Gemeinschaft nicht von selbst ergeben, sondern stets aller Streben bedürfen.

Was für ein flammendes Plädoyer der Zukunftsträchtigkeit, unsere Hymne. Welch ein Trauerspiel, mit wie wenig Bewusstsein wir sie pflegen.

__ Der Artikel ist der 3. Teil der Serie #WMSplitter auf der Facebook-Seite von Neues aus Absurdistan

Generation X

Mai 2014 – Eine Professorin hat sich jüngst in der Ansicht verstiegen, dass sich Studenten häufig diskriminiert fühlen, weil sie als „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden: „Es gibt auch noch mehr als Frauen und Männer. Ganz viele Menschen identifizieren sich nicht damit, Frau oder Mann zu sein. Viele wollen auch nicht das eine oder andere sein.“ – Nein, Sie brauchen nicht fragen, in welcher Stadt diese(r) LehrkörperIn ihr sta(a)t(t)liches Gehalt bezieht, Sie vermuten richtig. Das haben die Berliner jetzt, vom „arm aber unisexy“. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Seitdem das Bezirksparlament von Friedrichshain-Kreuzberg letztes Jahr mit der Mehrheit von Piraten, SPD, Grünen und Linken die Einrichtung von öffentlichen Unisex-Toiletten für Geschlechtsunentschlossene verfügt hat, weiß so mancher Berliner offensichtlich nicht mehr, ob er Männlein oder Weiblein ist. Das kann in die Hose gehen. Bei den Piraten heißt das dann „Liquid Democracy“. Wobei eigentlich hatten sie im Bezirksparlament ja nur „Eintopf für alle“ gefordert … aber darüber hatten wir ja schon berichtet.

Zurück zu Lann Hornscheidt, Profess-x am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität. Die/der/das ist überzeugt, dass das generische Maskulinum – also dass die männliche Form verwendet wird, wenn das Geschlecht nicht relevant ist – durch seine Verwendung soziale Wirklichkeiten schafft. Will sagen, wer von „die Studenten“ spricht, verfestigt das Männliche als Norm des universitären Daseins. Einmal abgesehen davon, dass das erst ins generische Maskulinum hineininterpretiert werden musste, damit es ein Problem werden konnte, gerät jetzt Hornscheidt in ein Dilemma zwischen Feminismus und Egalitarismus: „Studentinnen“, ob mit großem oder kleinen I, hätte ja den gleichen Effekt, nur eben weiblich. Daher schlägt sie eine neue, neutrale Geschlechtsendung vor: -x, gesprochen „ix“, also Studierx [Studierix], Professx [Professix], Verkäuferx [Verkäuferix], Pizzadienstfahrx [Pizzadienstfahrix] … Da werden wir uns dann bald alle wie in einem kleinen gallischen Fischerdorf 50 vor Christus vorkommen – wobei dort Verleihnix, Automatix, Methusalix et cetera eindeutig Männernamen sind, während die Damen Gutemine, Jellosubmarine oder Gelatine heißen. Macht nix, nervt aber. Und lässt ahnen, in welchen Dimensionen der Sinnlosigkeit wir uns zu verlieren beginnen. Danach kommt die Matrix.

Die Affen rasen durch den Wald

März 2014 – Das schöne Wetter der letzten Tage treibt dieses Jahr frühzeitig die hippen Frischluftsportfanatiker ins Freie beziehungsweise von den sitzbeheizten und kunstbeschneiten, durchbeleuchtet und -beschallten Wintersport-Ressorts hinaus in Berg und Wald und Strom und Feld. Den Weihnachtsspeck in die Radlerhose gezwängt, die Nordic-Walking-Stöcke gespitzt, die E-Mountainbike-Batterie geladen, das Weißbier in die Trinkblase gefüllt und los kann’s gehen. All überall zwischen den Tannenspitzen seh’ ich bunte Kasperl flitzen. Es begann alles damit – ich meine, es muss in den Achtzigerjahren gewesen sein –, dass aus Dauerlaufen Jogging wurde. Und aus Gymnastik Fitness. Und Aerobic (nachdem Jane Fonda in Rente gegangen ist, heißt’s inzwischen Zumba). Da wurde aus Sport Mode und die treibt seither immer seltsamere Blüten. Der jüngste Spross nennt sich MovNat – Natural Movement – bewegen wie in der Steinzeit. Spektakuläre, wiederentdeckte Bewegungsabläufe wie Krabbeln, Baumeln und Hüpfen verbunden mit einfallsreichen Spielideen wie Steinstoßen, Baumstammschleifen und Wassertreten. MovNat muss man selbstredend erst im Workshop lernen. Bei gut bezahlten Fitness-Profis, „welche die rohe Anpassungsfähigkeit des menschlichen Fleisches und Geistes schätzen“, damit du mit Movnatting (sic!) deine „wahre Natur wiederentdeckst“. Offenbar reizvoll genug, dass sich immer mehr für Geld zum Affen machen lassen. Die REvolution des aufrechten Gangs.

Sauglose Zukunft

Februar 2014 – Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann. Doch Mutti wird bald Tuten und Blasen vergehen. Weil ihr Sauger nämlich demnächst nur noch auf dem letzten Loch bläst. Ein paar Heinzen aus der Europäischen Kommission nehmen ihr nämlich die Luft aus dem Beutel. Nach zwölf Jahren windigen Versuchen mit europäischem Normstaub auf europäischem Normflokati hat man beschlossen, dass ab Herbst diesen Jahres 1600 Watt beim Saugen reichen müssen und ab 2017 nur noch 900 Watt „Nennleistungsaufnahme“. Blasen darf man nach wie vor unbegrenzt. Noch. Die Absicht ist fraglos ehrenwert. Energiesparen ist tatsächlich die bessere Energiewende. Aber warum muss es denn wieder die totalitäre Anmaßung des Wissens sein. Sind wir nicht eigentlich der Kulturkreis der Aufklärung. Es fällt ja vielleicht nicht bei jedem immer gleich der Groschen, aber steigende Energiepreise wirken meist schnell bewusstseinserweiternd, nennleistungsaufnahmebewusstseinserweiternd. Außerdem könnte man auch kehren. Oder wischen. Oder die Menschen kämen auf die Idee, einfach weniger zu saugen. Etwas mehr Staubtoleranz würde dann vielleicht unsere enorme Allergieanfälligkeit mindern. Schier unglaubliche volkswirtschaftliche Wohlfahrtseffekte könnten daraus erwachsen. Wenn es nur die Kommission nicht hätte besser wissen wollen.

Moralpredigt

November 2011 – Verantwortung ist der überragende Begriff in dem jüngst von der Deutschen Bischofskonferenz der katholischen Kirche herausgegebenen Leitbild für eine freiheitliche Ordnung Chancengerechte Gesellschaft (27. Juni 2011). Genauer sind es sogar vier Verantwortungen: Eigenverantwortung, die Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen, die Verantwortung des Gemeinwesens für den Einzelnen und die Verantwortung des Gemeinwesens für das Gemeinwesen; in eben dieser Reihenfolge. Grundlage allen gesellschaftlichen Daseins ist: „Jeder muss seine Begabungen und Potentiale zur Geltung bringen und sich immer wieder seiner Verantwortung für das eigene Leben stellen. Er steht in der Pflicht, die ihm gegebenen Möglichkeiten zu nutzen, bevor er Hilfe durch die Solidargemeinschaft in Anspruch nimmt.“ Wer Teil der Gesellschaft sein will kann sich als nächstes auch nicht seiner Verpflichtung für eben diese entziehen. Das reicht vom verantwortungsvollen Umgang mit den Mitmenschen im privaten wie im beruflichen Umfeld bis zur ausdrücklichen Mitverantwortung des Einzelnen für die Ordnung des Ganzen. Es ist bezeichnend, dass die Bischöfe diese beiden Dimensionen voran stellen, grenzen sie doch damit explizit die dritte Verantwortung, nämlich die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber dem Einzelnen, klar ein. Selbstverständlich hat in einem humanen und zukunftsfähigen Gemeinwesen die institutionalisierte Gesellschaft, also „der Staat“, Verantwortung für seine Bürger, aber eben nicht als Befreier von der individuellen Verantwortung, sondern als Befähiger zur Eigenverantwortung. Ein freier Staat ersetzt nicht das Verantworten-Wollen, sondern fördert das Verantworten-Können. Und er schafft, das ist die vierte Dimension, Institutionen und Ordnungen, die das über Generationen und in einer nur begrenzt veränderbaren Schöpfung (Umwelt) sicherstellen.

Eine Gesellschaft lebt und überlebt nur aus der Verantwortung ihrer Mitglieder. In einer prähistorischen Jäger- und Sammlersippe leuchtet uns das spontan ein. Aber wer geht heute im stetigen Bewusstsein durchs Leben, dass er laufend den Fehltritt zu vermeiden sucht, der den Ast unter den Füßen knacken lässt, was die von der Jagdgemeischaft angeschlichene Beute in die Flucht treiben würde. Das Leben ist heute komplexer, das heißt aber nicht, dass dieses Verantwortungsmyzel heute weniger gilt. Ursache und Wirkung sind oft nicht mehr so leicht und klar ersichtlich, aber ganz genauso da. Wer seine Gesundheit riskiert, seine Talente nicht nutzt, seine Externalitäten nicht trägt, seine Schaffenskraft vergeudet, seinen Vorteil maximiert, der tut das unweigerlich immer zu Lasten seiner Mitmenschen. Das heißt nicht, dass man sich überall und immer die gesellschaftliche Bedeutung allen Handelns ganz konkret vor Augen halten muss. Sondern es heißt, dass man diese gemeinschaftliche Dimension des eigenen Wirkens nicht ständig ignorieren kann.

Umso weniger wir im Laufe der Geschichte aber alltäglich vitalen Anfechtungen ausgesetzt waren, umso weniger offenbar ist uns diese selbstverständliche Notwendigkeit von Verantwortung geworden. Heißt das, unser Dasein muss erst wieder lebensbedrohlich werden, damit wir uns auf unsere Menschlichkeit besinnen? Das steht zu fürchten. Die Ablenkungen der medialen Fantasien oder der erkauften Erlebnisse, die regulierten Erwerbswelten und die sanfte Wiege des fürsorglichen Staates kommen scheinbar ohne unsere Verantwortung aus. Scheinbar nur, weil eine Verantwortung eine nicht auflösbare Notwendigkeit ist. Wir bauen quasi einen Saldo nicht übernommener Verantwortlichkeiten auf. Verbindlichkeiten nennt man das gemeinhin. Schulden. Wir verschulden uns, wenn wir unseren notwendigen Verpflichtungen des Zusammenlebens nicht hinreichend nachkommen. Alles was wir hier und jetzt nicht tragen, muss andernorts und, oder später getragen werden.

Ein Hoch auf die deutschen Bischöfe, dass sie nicht einfach aufs Jenseits vertrösten, sondern so viel Erdung haben, dass sie die wachsende Verantwortungslosigkeit nicht hinnehmen wollen.

Wenn zwei an einer Leine ziehen

Oktober 2011 – Der umgreifenden Ersatz von Kindern durch Haustiere wirkt sich inzwischen auch im Rechtswesen aus: einem geschiedenen Ehepartner bewilligte ein Gericht ein wöchentliches Umgangsrecht mit dem Hund, auf den man ehemals gemeinsam gekommen waren.

Leben Sie, wir kümmern uns um die Details

August 2011 – Eine selbstverschuldete und -geduldete Herrschaft macht genauso unfrei wie gewaltsame Unterdrückung. Sicher subtiler, unmerklicher, vermeintlich weniger behindernd. Zumal dann, wenn die Beherrschung nicht an Personen festgemacht werden kann, sondern einfach nur System ist, dem irgendwie alle unhinterfragt folgen. Zumal dann, wenn die herrschenden Dogmen wirklich nur frohe Botschaft verkünden und es den Untertanen dabei ausgesprochen gut geht. Die SPD spricht in Ihrem Grundsatzprogramm von der „stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus“. Zwei Aufsätze darüber, wie wir dabei sind unsere Freiheit für die Bequemlichkeit zu verschenken:

Wann erheben wir uns für die Freiheit
Zum pdf-download. [121 KB]

Und in der aktuellen August-Ausgabe des Magazins SMART INVESTOR erschienen:
Dekadenz – Vom Niedergang der gesellschaftstragenden Werte im paternalistischen Wohlfahrtsstaat
Zum pdf-download. [992 KB]

Sprühender Geist

Oktober 2010 - Die Volksverdummung eskaliert. Sarrazin hat irgendwie doch recht: Es scheint zumindest erblich zu sein, dass wir nichts dazulernen.

1.721.162.000.000

September 2010 – 1,72 Billionen Euro explizite Schulden der öffentlichen Haushalte zum 30.6.2010. Allein im ersten Halbjahr eine Steigerung von 1,7 Prozent. Eigentlich nichts Neues. Es wird ja eh immer mehr. Peer Steinbrück hat mal auf die Frage, was er angesichts der stetig ausufernden Staatsverschuldung seinen Kindern zu tun empfehlen würde, gemeint: Dagegen demonstrieren! – Wo sind sie geblieben?

Klaufen

August 2010 – Entsprechend den regelmäßigen Untersuchungen des EHI Retail Institute werden im deutschen Einzelhandel jedes Jahr Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro von Kunden und Mitarbeitern gestohlen (2 Milliarden von Kunden, 800 Millionen von Mitarbeitern). Rein rechnerisch durchschnittlich rund 70 Euro Diebesgut jährlich pro Haushalt. Die Liste der beliebtesten Beuteartikel zeugt von den Beweggründen: Spirituosen, Kosmetik und Tabakwaren, Markenklamotten, Accessoires und Dessous sowie Konsolenspiele, CDs, DVDs, Speicherkarten und Druckerpatronen. Es soll da bitte keiner sagen, dass ihm das Leben keine andere Wahl gelassen hätte. Genussraub nicht Mundraub. Selbst die grundlegendsten Axiome eines gedeihlichen Zusammenlebens werden ohne Not dem puren Amüsement geopfert.

Künstliche Kunst

März 2010 – Oswald Spengler prophezeite, dass im „Untergang des Abendlandes“ die Kunst ihre vordenkende und gesellschaftlich wegweisende Kraft einbüßen werde. Ja dass sie sich sogar gänzlich erschöpfen werde und bald nur noch vermag, Althergebrachtes zu verquirlen und allenfalls modisch zu variieren, statt etwas mit neuem Geist zu schaffen. Nun ist Spengler zumindest in vielen seiner Ausgangsannahmen widerlegt. Verfolgt man aber die Hype um den Debut-Roman Axolotl Roadkill von Helene Hegemann schießen einem Spenglers Vorhersagen unwillkürlich durch den Kopf und man fragt sich, ob es nicht doch genau so kommt.

Trotz erwiesenem Plagiats in großem Umfang, ja sogar trotz der Bekundung der überführten Autorin, bei dem Buch handle es sich eben um einen „Remix“, bejubelt ein Großteil der Kritik die Textcollage, nominiert das Ganze für den Preis der Leipziger Buchmesse und die Leute kaufen es dementsprechend in die Top Ten der Bestseller-Listen. Die tatsächliche Eigenartigkeit dieses Romans lässt sich darauf reduzieren, dass eine 17-Jährige mit perverser Fäkalsprache um sich wirft, die sie selbst, wie gesagt, nicht fähig gewesen wäre zu artikulieren, was aber trotzdem als authentische Jugendkultur angepriesen wird. Ein Verlag lässt ein Mädchen mit fremden Worten ekelhafte und pornografische Tabubrüche begehen und Kritik und Leserschaft bejubeln es in seltener Einhelligkeit. Spengler: „Die Kunst hat aufgehört, das Schicksal ihrer Kultur zu sein. Ihre Sprache bedeutet nichts mehr.“

Eine Metapher...

… für das, was ich mit „selbst denken und handeln“ meine – Februar 2010 – Wenn man bei uns hinterm Dorf zum Langlaufen geht, begegnet man oder entdeckt die Spuren von vier unterschiedlichen Typen Mensch: Das sind einmal diejenigen, die sorgfältig – vielleicht sogar extra mit etwas breiteren Skiern – die ersten Spuren gezogen haben (Loipen gibt es bei uns nicht). Dann die, die diesen Spuren mit Bedacht folgen, so dass sie möglichst eher besser als schlechter werden. Dann auch solche, die den Spuren nachlaufen, ohne sich irgendwelche Gedanken über ihre Herkunft oder ihren Erhalt zu machen. Und schließlich gibt es Spaziergänger, die auf weiter Flur keinen anderen Weg finden, als über die Langlaufspuren zu trampeln.

Wenn eine neue Anstrengung für eine zukunftsfähige Gesellschaft gelingen soll, brauchen wir Spurer und achtsame Folger, weniger gedankenlose Mitläufer, vor allem aber keine Trampler.

Verschlimmbessern

November 2009 – „Besser statt mehr“ war am 30. November 2009 die Überschrift der ersten Konferenz des Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung. Eine ausdrücklich wichtige Initiative, in der die Zukunftsfähigkeit unseres heutigen massenhaften Verständnisses von Wachstum – mehr Konsummöglichkeiten und weniger arbeiten – in Frage gestellt wird beziehungsweise (und das zeigt sich als bedeutend schwieriger) neue Denk- und Lebensweisen gesucht werden und ihren Ausgangspunkt finden sollen (www.denkwerkzukunft.de). „Denn ob es uns morgen besser oder zumindest nicht schlechter geht als heute, hängt nicht davon ab, dass etwas wächst, sondern dass etwas wächst, was Mensch, Umwelt und Natur zuträglich ist“, hat Meinhard Miegel auf der Konferenz die letztlich simple, aber doch so schwierig umsetzbare Vernunft der Nachhaltigkeit zusammengefasst.

Das sind nun genau meine Themen: sowohl die unhinterfragte Gläubigkeit an grenzenloses Wachstum (um des maßlosen Konsums willen wider jedem vernünftigen Verstand, dem beim Auftreten von Unendlichkeiten in einem endlichen Bezugssystem – Erde – eigentlich ganz von selbst Zweifel kommen sollten) als auch der Verlust einer eigentlich natürlichen Nachhaltigkeit im menschlichen Verhalten (der Nachkommenschaft nicht nur Leben sondern auch Lebensraum schenken zu wollen). Nicht wenige der Konferenzteilnehmer, Referenten und Diskutanten schossen und schießen aber weit über das Ziel hinaus und daher wahrscheinlich auch am Ziel vorbei. In der Wachstumskritik verteufeln viele allzu gerne pauschal „die“ Wirtschaft und blenden aus, dass die marktwirtschaftliche Wende unsere Gesellschaft nicht einfach vom Zustand eines archaischen immateriellen Wohlstandes (genannt Glück) zu bloßem materiellen Wohlstand verleitet hat. Vielmehr ist es den marktwirtschaftenden Gesellschaften in einem vorher nie da gewesenen Umfang gelungen Hunger, Krieg und Unfreiheit zu überwinden. Wirtschaft und Wirtschaften als pures materielles Mehrungssystem zu verstehen, greift zu kurz. Wirtschaft und Wirtschaften sind unerlässlich, weil vollkommen unabhängig vom erreichten Wohlstand Essen, Kleidung und ein Dach über’m Kopf jeden Tag von neuem erwirtschaftet werden müssen – woher sollte es auch sonst kommen? Genauso wie dieser Planet die Endlichkeit in sich birgt, gilt irdisch auch unabänderlich: aus nichts kommt nichts – selbst der, der fünf Brote teilen konnte, dass sie Fünftausend nährten, brauchte erst einmal fünf Brote. Solches gilt ohne Abstriche auch für Rechtsstaatlichkeit, die Sicherheit und die staatsbürgerliche Gleichheit – alles erfordert den planvollen Einsatz materieller und immaterieller Ressourcen. Es braucht also ein produktives Wirtschaftssystem.

Wir müssen dementsprechend aufpassen, dass wir den Teufel nicht mit dem Belzebub austreiben und aufgrund vollkommen unbelegbarer Hoffnungen eines fundamentalen Systemwechsels die Freiheit riskieren (und wahrscheinlich auch die Sattheit und den Frieden). Trotzdem bleibt natürlich offensichtlich, dass die derzeitige Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft hinsichtlich ihrem nachhaltigen Selbsterhalt nicht perfekt ist. Ihre Grundpfeiler Wettbewerb, Eigentum, Verantwortung und Solidarität haben sich allerdings als sehr praktikabel, weil menschlich erwiesen. Das Gebot der Stunde ist also nicht die Suche nach einem neuen Wirtschaftssystem oder gar die Rückkehr zu bereits ausprobierten menschenverachtenden Alternativen, sondern die Gestaltung des im Gedanken der sozialen Marktwirtschaft unerlässlichen politischen Ordnungsrahmens (DAS bedeutet übrigens Neo-Liberalismus). Das wird beizeiten noch genauer auszuführen sein. Einstweilen nur so viel: „besser statt mehr“ wird sich sicher nicht durch weniger Arbeit und Leistung machen lassen. Wir brauchen nicht weniger Produktivität, wir müssen die Produktivität besser auf die Produktion von Nachhaltigkeit einrichten.

Wahlempfehlung

September 2009 – Beitrag zum ZEIT-Wettbewerb „Politischer Essay“: Welche Wahl lässt uns die Krise? [84 KB]

Wertlos

August 2009 – O tempores, o mores. Klagen über den Sittenverfall gab es zu allen Zeiten – nicht immer war deswegen eine Gesellschaft gleich dem Untergang geweiht. Man muss fein unterscheiden zwischen sich natürlich verändernden Moralvorstellungen im Laufe der menschlichen Entwicklung und wo eventuell gesellschaftstragende Tugenden geschliffen werden. Beides ist zudem eng verquickt und die letztendliche Beurteilung bleibt ohnehin den künftigen Geschichtsschreibern vorbehalten. Unbenommen ist aber, dass die ethischen Prinzipien einer Gesellschaft für ihr Schicksal entscheidend sind. Nicht zuletzt weil sich aus der Ethik die Reaktionen auf Probleme, mit denen eine Gesellschaft konfrontiert wird, ableiten.

Eine dieser krisenbewährten Vorstellungen von richtigem Handeln in unserer Gesellschaft ist die gegenseitige Verpflichtetheit innerhalb einer Familie. Die tatsächlich herrschende Erosion dieser kleinsten subsidiären Einheit habe ich im Buch beschrieben. Hier nun ein weiteres Indiz für diesen gefährlichen Wandel von Wertevorstellungen. Eine Lappalie oder schon ein Verfallssymptom?:

Das Internetportal www.leidenschaft18.de spricht per Fernsehwerbung im Abendprogramm gezielt und ausdrücklich Verheiratete für die Dienste der Plattform an: die Vermittlung erotischer Abenteuer und von Seitensprüngen. Auf dass die letzten Familientreuen auch noch in Versuchung geführt werden. 758.987 Mitglieder weist dieser „Partner für den Seitensprung“ aus (22.08.09). Der Tipp des Tages: „Besorgen Sie sich vor dem Treffen ein wasserdichtes Alibi.“ Bild.de meint dazu: „Sie lieben monogam und Treue hat für Sie oberste Priorität. Glückwunsch, dann gehören Sie zu einer ganz seltenen Spezies des 21. Jahrhunderts. Denn immer wieder konfrontieren uns Umfragen mit einer anderen Wahrheit: 38,9 Prozent der deutschen Frauen und 37,1 Prozent der Männer hatten schon einmal einen Seitensprung – das ergab der Sex-Report 2008.“ O tempores, o mores, oder?

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