GERD MAAS

Bildschirm-Medien

Das alte Neue aus Absurdistan in der Kategorie Bildschirm-Medien - 19 Beiträge

Powerpuff Girls

Juni 2016 __ Pädagogisch wertvoller Name einer Kleinkindersendung auf Cartoon Network. Genauso wertvoll, wie die dummen Stereotypen der Charaktere dieser Filmwelt. Der Bürgermeister ist grunddoof und die Tochter reicher Eltern ist natürlich genauso verwöhnt wie rachsüchtig, weil sie sich bei den powerfullen Puffmädels nicht einkaufen konnte. Es wäre mal wirklich interessant zu untersuchen, wie oft ein Kind beim Heranwachsen mit dumpfen Klischees von trotteligen Politikern und Kapitalistenschweinen berieselt wird. Das ist vermutlich die größte Gefahr der Bildschirmmedien-Inflation in der Kinderstube: In der Masse überwiegen die hirnlosen Autoren, die einen Job machen, statt eine Geschichte erzählen zu wollen. Wir werden mehr und mehr eingekesselt von einer irrealen Welt trivialer Plots und billiger Pointen.

Big Apple is listening to you

September 2015 – Beim neuen iPhone 6S liegt die Spracherkennung »Siri« ständig auf der Lauer, um beim leisesten »Hey Siri« sofort dienstbar bereit zu stehen. Big Apple hört also künftig überall und ständig mit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Beinahe unvermeidlich, dass einem dabei – wehe! wehe! – Goethes Zauberlehrling in den Sinn kommt: »Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.«

Kevin zappelt allein im Netz

April 2015 – Heute wurden einmal mehr erschreckende Zahlen der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen öffentlich. Jeder zehnte Dreijährige geht ins Internet, ein Viertel aller Fünfjährigen – mit einer Bandbreite von einer halben Stunde wöchentlich bis zu einer Stunde am Tag. Über das Grundschulalter hinweg wird dann die Internetnutzung zunehmend auch mobil. Bei den Fünftklässlern hat schließlich schon Dreiviertel ein internetfähiges Smartphone. Und das nutzen sie auch intensiv. Wen wundert’s? Offenbar die Eltern. Die konditionieren ihre Kleinen erst zunehmend grenzenlos auf die verblödende, kleine Bildschirmwirklichkeit und wundern sich dann, dass sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden. Die Eltern wünschen sich mit überragender Mehrheit mehr Kinder- und Jugendschutz im Internet. Klar, schließlich sind ganz legal Gewalt, Pornografie und Extremismus im WWW selten arg viel weiter als ein, zwei Klicks entfernt. Genauso wie zahllose verquere parawissenschaftliche, verschwörungstheoretische und demagogische Wahrheitsklitterungen. Für Jugendliche schon eine Herausforderung, für Kinder tatsächlich ein Dschungel. Was haben die also ohne ihre Eltern im Netz zu suchen? Es ist doch ein See nicht wegen seiner Tiefe fürs Ertrinken verantwortlich, sondern derjenigen, der einen spaßbadverwöhnten Nichtschwimmer dort in der Mitte ohne Hilfe ins kalte Wasser wirft. Ein verheerendes Armutszeugnis der gegenwärtigen Elternschaft, wenn sie mehrheitlich die Erziehungsverantwortung für einen wesentlichen Bestandteil unseres modernen Lebens lieber delegieren wollte, als selbst ausreichend für Begleitung und Grenzen zu sorgen. Die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig setzt dem dann das paternalistische i-Tüpfelchen auf, wenn sie da gar auch noch die Wirtschaft in die gesetzliche Pflicht nehmen will. Die Hersteller müssten nach Schwesigs Willen eine vorinstallierte und voraktivierte Jugendschutzsoftware obligatorisch auf allen Endgeräten einrichten. Damit die Eltern künftig vollkommen hirnlos ihre Kinder alleine im Netz abtreiben lassen können. Vermutlich wird Schwesig dann auch bald die Swimmingpool-Hersteller auf Höchstwassertiefen von 50 Zentimetern vergattern und die Seepferdchenpflicht an Seen fordern, weil immer weniger Kinder schwimmen lernen. Von ihren Eltern nicht beigebracht bekommen.

Ein mieser Ruf

Juli 2012 – Die virtuelle Verdienstleistung unseres Daseins schreitet voran. Selbst einen Jux lässt man sich heute digital machen und ist freilich deswegen längst nicht davor gefeit, dass es doch nur ein schlechter Scherz wird. Websites wie marcophono.de automatisieren den Telefonstreich. An und für sich sowieso schon immer ein grenzwertiges Genre der Witzigkeit, in der vorgestanzten Banalität der digitalen Ausprägung aber tatsächlich eher geistige Körperverletzung.

Mit ein, zwei Klicks ein Anrufszenario ausgewählt, eine beliebige Telefonnummer und bei Bedarf der Name dazu eingegeben und schon blamiert sich der Angerufenen im Streit mit dem Sprachcomputer: weil er sich mit der Verspätung einer natürlich nicht bestellten Pizza auseinandersetzen muss oder, als geschmackloses Glanzlicht des Repertoires, weil ihm ein radebrechender Abdullah den Bau einer Moschee in der Nachbarschaft ankündigt und reichlich mehr vermeintlich witzige Anfechtungen.

Der Scherzbold kann dem Ganzen online zuhören und, wenn er will, das Gespräch auch mitschneiden (YouTube mit „marcophono“ durchsucht offenbart zum Beispiel 2.130 Treffer von entsprechenden Aufnahmen). In der Grundversion ist dieser Web„dienst“ zudem werbefinanziert kostenlos, was die unbegrenzte Potenzierung der Hirnlosigkeit befördert. Wie ahnte nicht schon 1993 der westfälische Philosoph Kerkeling: Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon.

Und die Mutter blicket stumm

Februar 2012 – „Mit dem iPhone hätte Phillip nicht gezappelt“ titelte die Welt HD unlängst und stellte dabei sämtliche Kausalitäten auf den Kopf. Die verwegene These: „Wenn Kinder keine Ruhe geben, lohnt es sich für Erwachsene, den Kleinen ihr iPhone zum Spielen zu überlassen. Denn schon Eineinhalbjährige spielen gern mit einem Smartphone.“ Tatsächlich reden wir von der Mobilisierung der bildschirmmedialen Verblödung, die stationär schon schwer im Verdacht steht eben jenes Zappeln zu befördern, in ihrer elektronischen Zweidimensionalität aber in jedem Fall die frühkindliche Erfahrungswelt extrem verarmt. Apps kann Kind nicht hinterschauen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht anfassen, nicht ablutschen, daran nichts verändern oder darin sonst einen Einfluss jenseits stupider, vorgedachter Computerspielmuster nehmen. Selbst nölende Langeweile ist lebensspannender. Aber anstrengender für die Eltern. Und genau daher weht der Wind der Inflation mehr oder weniger pädagogisch wertvoller Kinderruhigstellungsapplikationen. Es ist die Verweigerung einer biologischen Selbstverständlichkeit, sich Zeit für den fordernden Nachwuchs zu nehmen. Schauen wir auf ein offenbarendes Beispiel aus dem Welt HD-Artikel:

„Für Amber Mullaney ist das iPhone ein Gottesgeschenk. Wenn die Amerikanerin mit ihrem Ehemann und der zweijährigen Tochter in ein Restaurant geht, bekommt die kleine Tatum das Smartphone und darf sich Folgen der Zeichentrickserie ‚Dora the Explorer‘ anschauen. Versuche, das Handy zu Hause zu lassen, endeten in der Vergangenheit im Chaos: Tatum spielte mit den Salzstreuern herum, Gläser fielen um. ‚Sie malt ein bisschen oder redet ein bisschen mit uns, aber das ist nur von kurzer Dauer‘, sagt Mullaney. Mit dem iPhone sitzt Tatum dagegen ruhig auf ihrem Stuhl, während ihre Eltern in Ruhe ihr Essen genießen können. Ein schlechtes Gewissen hat die Mutter manchmal schon. Die Leute sollen nicht denken, sie nutze das Gerät, um ihr Kind zum Schweigen zu bringen. Aber sie will auch nicht auf Restaurantbesuche verzichten. ‚Manchmal muss man tun, was man tun muss‘, sagt sie.“

Vor kurzem hab ich so ein armes Ding selbst erlebt. Eine, sagen wir mal, Dreijährige, die geschlagene zwei Stunden mit roten Backen aber ansonsten vollkommen apathisch ins iPhone ihres Papas glotze, während der mit Mama und einem befreundeten Pärchen im Caféhaus ausgiebig frühstückte. Ein hübsches, offenes Kind, fröhliche, dem Anschein nach geistreiche Eltern und Freunde – umso surrealer das Bild der unbeschwert schwatzenden Erwachsenenrunde um das bewegungslos, mit gerade am Körper runterhängenden Armen auf den kleinen Bildschirm konditionierte Mädchen; außer wenigen, ernsten Zwischenfragen an den Vater, die ihn zu kurzen, lächelnden Kommentaren nötigten, schweigend.

Fisher Price von Mattel nimmt den weiteren Trend schon vorweg und brachte September 2011 ihren Babyhalter für das iPhone oder den iPod touch auch auf den deutschen Markt. Mit bunten Ringen, Rasseln und bei Bedarf vorgeblich babygerechten Apps – Zielgruppe: ab sechs Monate.

Echt gaga.

Die sich ausdifferenzierende elektromediale Ruhigstellungspraxis gemahnt immer mehr an die pädagogischen Utopien eines John B. Watson, dem Begründer des Behaviorismus, der in den Zwanzigerjahren von der Kinderaufzucht in Babyfarmen fern von familiären Beziehungen und dem realen Leben träumte. Ein tatsächlich unmenschliches, tödliches Milieu. Die aufmerksamkeitsfordernden Bildschirmmedien schließen die Kinder ebenso von der Wirklichkeit aus (auch wenn Ihnen – pädagogisch wertvoll – versucht wird, über die Medieninhalte wieder etwas Wirklichkeit zu vermitteln) und trennen sie von der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung. Babyfarmen im Kopf.

Heidi reloaded

Oktober 2011 – Bericht einer Selbstgeißelung: eine Folge Die Alm – Promischweiß und Edelweiß, Pro Siebens unsäglichem Verschnitt von Big Brother mit Living History und dschungelcampschen Pseudomutproben – ach ja und nicht zu vergessen die unübersehbare Anleihe bei den Scripted Realities der Doku-Soaps: Gespieltes so tun als ob es echt wäre – da schaut die Wirklichkeit nicht nur aus wie schlecht gespielt, sie ist es (bei den schauspielerischen Fähigkeiten von Kathy Kelly, Werner Lorant, diversen Castingshow-Sternchen und Call-in-Gewinnspiel-Moderatorinnen kein Wunder). Bei solcher Unbedeutendheit der Teilnehmer kommt in den zumeist über gerade Abwesende lästernden Dialogen eine Art zweitklassiges Goldenes-Blatt-Flair auf – quasi ein Schulungsvideo für Aspiranten einer großen Karriere als Dauergäste in Friseursalons, Nagelstudios und Therapiewartezimmern. Das ließe nun aber vermuten, dass man sich als Zuseher wenigstens an der Realsatire erheitern könnte: Hat man das Fremdschämen einmal verwunden, lässt sich über solch laufende Offenbarungen der gegebenen Dämlichkeit der Protagonisten ja tatsächlich amüsieren. In Wirklichkeit ist das ganze Format getränkt von gähnender Langeweile: Erörterungen der Tiefenreinheit von Handwäsche, des geeigneten Schuhwerks für unebene Dielenböden, warum man ein Kalb nicht melken kann, Tattoos, Schokoladensüchtigkeit, irritierte Haut, die almeigenen Sonnenterassen, Kaffeepeeling, Schönheitsschlaf, heruntergelassenen Unterhosen und natürlich das (oh Wunder, stets herrliche) Wetter. Unterbrochen allerdings von den sinnfälligen Anmerkungen des landhausmodenbewehrten Moderatorenpaars Janine Kunze und Daniel Aminati: „Ja so ein Hoden im Mund ist auch unangenehm.“ – „Ach komm so’n Hoden im Mund ist doch für dich nichts Neues.“

Besonders arg ist aber wirklich die durchsichtige Inszeniertheit des Ganzen. Da muss zum Beispiel auf Teufel komm raus eine alle Bemühungen der anderen, die Hühner zum Eierlegen in die Stall zu befördern, durchkreuzen, weil sie die Regie dazu auserkoren hat, der Meinung zu sein, man wolle ein Huhn zum Schlachten auswählen, wogegen sich die Feinsinnigkeit ihrer Tierliebe sträuben soll. Wobei von Anfang klar war, dass es um Eier und nicht um Ragout geht. Mit B-Movie-Thriller-Musikuntermalung und vielen Schnitten hetzen die Eierjäger schusselig den Hühnern hinterher (der Misthaufen darf dabei nicht fehlen) und sie kreuzt mit einer jeder Grundschul-Sommerfestaufführung Ehre machenden Choreografie „lauf, lauft“-rufend quer.
Oder was für ein Drama wurde da aufgeführt, als man eine gemeines Hausmäuschen dazu zwang so zu tun, als hätte es eine der Teilnehmerinnen in den Finger gebissen – sieht man allein die darauf folgenden minutenlangen Schreikrämpfe, meint man in eine Laieninszenierung von Scream geraten zu sein. Wirklich zu Schaden gekommen ist in dem Fall vermutlich jedoch nur das Trommelfell der Maus.
Von „Mut“proben wie durch Spinnenweben krabbeln, Wurstdärme aufblasen oder die besagten Stierhoden essen, will ich ganz schweigen.

Allerorts vermuten die Fernsehmacher heutzutage Realitätshunger bei den Zusehern, den wachsenden Wunsch nach Authentizität im Fernsehen und voyeuristischer Teilhabe daran. Die mediensüchtige Gesellschaft giert nach non-medialen Realitäten, die ihr daraufhin medial inszeniert werden. Das Verlangen nach real statt fiktional gebiert die Realfiktion – das mediengerecht (schlecht) nachgespielte Leben. Das Bild unseres Daseins verkommt zur kulturlosen Klischeehaftigkeit. Um sich von dieser Inszenierung dann wirklich befriedigen zu lassen, bedarf es schon einer nicht unerheblichen Schizophrenie.

Was Die Alm betrifft, waren es pro Sendung zwischen ein und zwei Millionen voyeuristische Schizos, die über zwei Wochen jeden Abend (ab 22.15 Uhr) dabei waren. Vielleicht nicht so sehr viele. Bloß möchte ich gar nicht wissen, was die anderen gut 20 Millionen Fernseher derweilen Abend für Abend geglotzt haben. Die hochnotpeinliche Alm hat mir erst einmal gereicht.

Ausgesprochen unausgesprochen

April 2011 – Zweieinhalb Stunden (158 Minuten) verbringen Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren durchschnittlich täglich am Bildschirm mit Fernsehen (98 Minuten), Internet-Surfen (24 Minuten) und beim Spielen am Computer oder mit der Konsole (36 Minuten) laut KIM-Studie 2010 (Kinder + Medien, Computer + Internet; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest). Gelesen wird durchschnittlich 21 Minuten täglich, ein Fünftel der Kinder gibt an, in der Freizeit nie zu lesen (der Anteil lag 2005 noch bei sieben Prozent), 44 Prozent lesen zurzeit kein Buch.

Da zeichnet sich mehr als bloß ein medialer Wandel ab. Es verändert sich die Kommunikation. Aufgrund der Passivität des Bildschirmmedienkonsums werden unweigerlich weniger Kommunikationskompetenzen erworben (beim Fernsehen lernt man ja nicht Filme zu machen, wie man beim Lesen Ausdrücken und Schreiben lernt). Die individuelle Fähigkeit, Bestandteil des gesellschaftlichen Gedankenaustausches zu sein, nimmt entsprechend ab. Die vordergründige Dimensionserweiterung moderner Medien durch bewegte Bilder und Ton trügt. Weil eben die Medien nicht erlernt, sondern nur konsumiert werden. Der Austausch von Handy-Fotos und -Filmchen via MMS, Facebook und YouTube kann die Ausdrucksvielfalt und Gestaltungsspielräume sprachlicher Auseinandersetzung nicht ersetzen. Kommunikation wird passiviert und trivialisiert.

ish hasse disch einfach

März 2011 – Am Beispiel iShareGossip.com (übers.: ich teile Geschwätz) offenbart sich unsere naive Hilflosigkeit im politischen Umgang mit dem Internet. Einziges Ziel dieser deutschsprachigen Website ist die schrankenlose, anonyme Hetze auf (Mit)Schüler. Ohne Anmeldung und unter Zusicherung absoluter Anonymität können Schüler auf der Website ihren rechtschreibfreien Unflat über andere ausgießen, sauber geordnet nach Bundesländern, Städten und Schulen – „[Name] du hurentochter du halt lieber mal ganz schnell deine fresse bevor ich mein …“, „ja dich du wixxa ich geb dir mittwoch nach ausflug ein nacken wenn ich dich sehe“, „ihr mistqeburten kinder einfach hänqt euch auf“, „[Name] hässlig fett knecht schwul hab undd nicht fettttttttttttttt zu vergessen“, „vallah ihr kleinen mistkinder ich focke eure toten ihr hundesöhneee“. Eine schier endlose Multiplikation von gemeinen, rassistischen und sexistischen Beleidigungen und Kommentaren darauf, deren Spektrum ich hier aus Anstand gegenüber meinen Lesern nicht einmal annähernd wiedergegeben kann.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat die Seite inzwischen auf Betreiben der Bundesfamilienministerin indiziert, deutsche Suchmaschinen zeigen die Website daher (freiwillig) nicht mehr an und Jugendschutzfilterprogramme blockieren die Adresse. Damit hat die Staatsmacht aber offenbar ihr Pulver verschossen. iShareGossip ist unverändert erreichbar. Die komplette Sperrung der Seite ist in Deutschland rechtlich nicht möglich, weil der Host von iShareGossip im Ausland sitzt, in Schweden. Das aber ist doch die Kapitulation des Rechtsstaates. Was offline unmittelbar konsequentes und abschließendes staatliches Eingreifen bedingen würde – wenn solch persönliche Angriffe zum Beispiel als Zeitung herausgegeben würden – wird online resignierend geduldet. Der Staat sieht tatenlos zu, wie die Würde seiner Bürger mit Füßen getreten wird.

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“, ist der kategorische Imperativ in Artikel 2 unseres Grundgesetzes. Wer sein Recht auf freie Meinungsäußerung derart systematisch und absichtlich missbraucht, indem er vorsätzlich oder auch nur billigend in Kauf nehmend ein Medium anbietet, das auf nichts anderes als Beleidigung, üble Nachrede und Volksverhetzung abzielt, der gehört verboten, abgeschaltet, gesperrt. Und wenn die rechtlichen Voraussetzungen dazu in Deutschland und Europa noch fehlen, dann ist die Legislative gefordert, sie zu schaffen. Nicht um die Meinungsfreiheit zu beschränken, sondern um die Angriffe auf die Lebensfreiheit zu verhindern.

Buchführung

Februar 2011 – Facebook ist lieb. Deswegen will es dir helfen, deine Freunde zu finden. Wer sich bei Facebook neu anmeldet, dem wird der Friendfinder angeboten. Wenn man zustimmt, durchforstet ein Programm automatisch den Computer oder das Smartphone nach Adressbeständen und lädt alles, was es findet, auf die Facebook-Server hoch. Mit den Daten kann einem der Dienst dann gleich beim ersten Besuch ein paar Bekannte vorschlagen, die schon Mitglied sind und mit denen man sich dann auch virtuell verbandeln kann – damit man sich am Anfang nicht so allein fühlt, echt nett gell. Als kleinen Lohn für die Nettigkeit behält sich Facebook die Adressdaten, um zum Beispiel diejenigen darunter mit E-Mails zu penetrieren, die noch keine Nutzer sind. Bei derzeit 15,1 Millionen Mitgliedern in Deutschland heißt das: Facebook kennt uns alle. Uns und unsere Beziehungen.

Wer bei Googles kostenlosem E-Mail-Dienst ein Konto einrichtet, erlaubt Google die darüber abgeschickten und eingehenden Nachrichten zu lesen beziehungsweise nach Schlagwörtern zu durchsuchen, um gezielte Werbeangebote unterbreiten zu können. „Google scannt den Text von Google Mail-Nachrichten […] Google verwendet diese Scan-Technologie auch, um zielgerichtete Textanzeigen und andere verwandte Informationen liefern zu können“, heißt es in den Datenschutz-Erläuterungen von GoogleMail. Google weiß, was wir wollen.

Im November 2010 hat Facebook seine Social Inbox vorgestellt, mit der das Unternehmen den Kommunikations-Markt revolutionieren will, indem es klassische E-Mail, Instant Messaging, SMS, Chats und ähnliche Dienste in einer Anwendung integriert. Inklusive einem unbegrenzten Speicher aller jemals darüber abgewickelter Nachrichten (der auch nach einer Abmeldung nicht gelöscht wird). Dann weiß Facebook bald, was wir denken, gedacht haben und denken werden – und wird uns dann entsprechende Informationen anbieten.
Schon jetzt lassen sich zum Beispiel allein aufgrund von Google-Suchanfragen Zukunftsvorhersagen ableiten (das Institut zur Zukunft der Arbeit IZA in Bonn prognostiziert damit zum Beispiel die Arbeitsmarktentwicklung einen Monat voraus). Was erst, wenn an einer Stelle verschiedenste persönliche Daten, all unsere Kommunikation, unser Beziehungsnetzwerk und zunehmend auch geografische Daten (über Fotos mit eingebetteten GPS-Daten oder die Ortung von Smartphones) gespeichert sind und analysiert werden können?

Natürlich sind diese Dienste alle bequem. Aber hat denn diese Bequemlichkeit unsere Vernunft schon so sehr vernebelt, dass wir aus eigenem Antrieb die umfassende, annähernd irreversible und vor allem vollkommen unkontrollierbare Aufgabe der Hoheit über die Speicherung und auch Verarbeitung unserer privaten Informationen betreiben. Selbst ohne jemandem irgendeinen bösen Willen bei der Verwendung dieser Datensammlungen zu unterstellen, wollen wir denn wirklich, dass immer mehr für uns gedacht wird, anstatt dass wir selber denken? Wollen wir in rapide wachsendem Umfang unser Leben in die Hand von Algorithmen legen?

Man existiert auch, wenn man nicht in Facebook ist. Wirklich. Sogar wirklicher.

RTL-Leitkultur

Januar 2011 – 7,68 Millionen Deutsche haben sich am 26. Januar Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, landläufig Das Dschungelcamp, angesehen. 8,66 Millionen Zuschauer waren in der aktuellen fünften Staffel dieses Formats bisher die Spitzenquote. Tag für Tag ergötzt sich jeder zehnte Deutsche an perversen Bloßstellungen abgetakelter Sternchen und öffentlichkeitssüchtiger Ex- und Möchte-gern-Promis. In Kakerlaken suhlen, mit Aalen baden, in Spinnen, Skorpionen (?), Schlangen oder Ratten wühlen, unter Fischinnereien und Fischabfälle tauchen, mit Schleim duschen oder lebendige Regenwürmer, Grillen und Mehlwürmer, Krokodils-, Schafs- und Fischaugen, einen Krokodil-Penis (am Stil), eine Kamel-Anus und Hirsch-Hoden essen und dazu gequirlte Maden und Mehlwürmer oder vermatschte Tiergenitalien, pürierte Emu-Leber und Rattenhirn trinken. Das ist, sein Sie mir nicht böse, einfach zum Kotzen – nicht diese überdrehten Persiflagen kindischer Mutproben, sondern die Masse der begeisterten Zuseher.

Wie weit sind wir noch entfernt, dass wir für den Fernseh-Thrill zur bloßen Unterhaltung das Recht auf körperliche Unversehrtheit ganz aufkündigen? Wie lange dauert es noch, bis die furchteinflößenden Utopien der siebziger und achtziger Jahre, wie in Running Man oder Das Millionenspiel verfilmt, wirklich werden? Wann brauchen wir Blut, um noch werbeträchtig Quote zu machen?

Der Vergleich mit den Tierhatzen und Gladiatorenkämpfen in den römischen Zirkusspielen drängt sich unweigerlich auf. Panem et circenses – Brot und Spiele – meinte Juvenal damals dazu und prangerte damit die Entpolitisierung der Gesellschaft an, die nur noch satt und hinreichend kurzweilig abgelenkt sein wollte. Brot und Spiele, bedingungslose soziale Vollkaskoversicherung und Privatfernsehen?! So unlauter trivial dieser Vergleich erscheinen mag, so oft wird mir doch eben dieses Gefühl gerade von Verantwortungs- und Leistungsträgern und durchaus tiefsinnig Denkenden bestätigt. Ein Grauen für jeden, der unsere Zukunft in Subsidiarität und aktiver Zivilgesellschaft wähnt.

Denksport

November 2010 – Telefongewinnspiel auf Sat1 während einer Fußballübertragung: „Was ist die Lieblingsinsel der Deutschen?: A. Mallorca oder B. Wertstoffinsel.“ – Ah, welch unerwartetes Gespür für tiefsinnige Ironie beim privaten Fernsehen. Wo vordergründig scheinbar die totale Verblödung Einzug hält, werden wohl tatsächlich die großen Daseinsfragen auf den Punkt gebracht: Mallorca oder Wertstoffinsel? – Volle oder leere Flasche? Wegsein oder Wegwerfen? Ruhestand oder Wiederverwertung?

Nackte Tatsachen

November 2010 – Gemäß der aktuellen Studie Risks and Safety on the Internet des EU Kids Online Network (www.eukidsonline.net) hat ein Viertel der europäischen Kinder (9 bis 16 Jahre) im letzten Jahr pornografische Bilder oder Videos im Internet angeschaut – jeder zwanzigste regelmäßig mehr als einmal die Woche. Der Durchschnitt wird erwartungsgemäß von den Teenagern deutlich nach oben gedrückt, aber auch unter den 9- bis 10-Jährigen waren es 11 Prozent und unter den 11- bis 12-Jährigen 18 Prozent die im vergangenen Jahr online Pornos angeschaut haben. Bei der Allgegenwart und Unverhohlenheit derartiger Inhalte im Web ist das wenig verwunderlich. „Ich hab mit Cedric online gespielt und wir gerieten in irgendwas wie Sex und es war überall auf dem Bildschirm“, meinte ein 11-jähriger belgischer Junge. Wie dicht unsere Kinder an Hardcore-Sites beim Surfen dran sind, kann sich jeder selbst einfach vor Augen führen: Geben Sie „Teen“ bei der Bildersuche von Google ein und schalten Sie (mit zwei Klicks neben der Eingabezeile) SafeSearch aus.
Besonders erschreckend ist aber die Unbedarftheit der Eltern. Von den Kindern, die mit pornografischen Inhalten konfrontiert gewesen waren, wussten es zwei Drittel der Eltern nicht beziehungsweise gingen sogar 41 Prozent ausdrücklich davon aus, dass so etwas bei ihren Kindern nicht vorkomme. Nicht das Internet ist riskant, sondern die mangelnde Auseinandersetzung mit diesem Medium. Wer seine Kinder – laut dieser Studie – täglich durchschnittlich eineinhalb Stunden surfen lässt und dann nicht einmal ahnt, was ihnen da alles unterkommt, der muss sich Verantwortungslosigkeit oder Bequemlichkeit vorwerfen lassen. Ohne Auseinandersetzung mit den modernen Medien, nur mit Medienkonsum, wird der Cyberspace zum moralfreien Raum der Contentprovider-Interessen und die Informationsgesellschaft zur Horrorvision.

Virtualize Erdbeereis

Juli 2010 – Wie wird das Leben jenseits des Internets sein? Die Frage ist falsch gestellt. In der virtuellen Realität endet nichts. Der Google-Cache vergisst nichts, YouTube blendet nichts aus, Facebook löscht nichts, Twitter verschweigt nichts. Es gibt kein danach mehr.
Same player shoots again. Ein ausführlicher Essay über die zunehmende Virtualisierung unseres Lebens:

Der Essay als pdf [93 KB]

Schlechtes Stellungsspiel

April 2010 – 15.000 Informatiker-Stellen können mangels geeigneter Bewerber derzeit in Deutschland nicht besetzt werden. Düstere Aussichten: Stell dir vor, alle wollen Computer spielen, aber keiner weiß mehr, wie man ein Computerspiel macht.

Gute Nacht John-Boy

Februar 2010 – Laut einer Reportage in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Dezember 2009 spielen 73 Millionen Facebook-Mitglieder die Facebook-Applikation „Farmville“ – 27,5 Millionen davon täglich. Eine simple Bauernhof-Simulation mit Kinder-Cartoon-Charme. Allerdings offensichtlich einmal mehr hervorragend geeignet, um sich zunehmend aus der Teilhabe am wirklichen Leben zu beamen. Neben der in solchen Echtzeit-Simulationen üblichen notwendigen regelmäßigen Pflege (jäten, säen, ernten, Tier pflegen), haben die Farmville-Entwickler geschickt den realen sozialen Druck in die putzige virtuelle Welt eingebaut: Wirklich voran kommt man in Farmville nur mit virtueller Nachbarschaftshilfe : do ut des. Dass man anstatt des Daddelns auch einem wirklichen Nachbarn mal im wirklichen Garten oder sonst wo/sonst wie helfen könnte, kommt einem Farmville-Farmer wohl kaum mehr in den Sinn: keine echte Echtzeit.

The same procedure as ev`ry day

Dezember 2009 – Die Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2009 berichtet, dass laut einer Forsa-Umfrage 89 Prozent aller Deutschen Weihnachten vor dem Fernseher verbringen. Schöne Bescherung.

Putting away the Xbox

September 2009 – Im Buch bin ich ausführlich darauf eingegangen, dass die ausschlaggebenden Erfolgsfaktoren für Bildung weniger Didaktik und Pädagogik sind, sondern Lernen und Üben. Auch der schönste Bildungsplan und seine bestmögliche Umsetzung können das Büffeln nicht ersetzen. Wer sich aber heute erdreistet, „von den Kindern etwas zu fordern, zieht postwendend den Zorn der Eltern auf sich. Kaum eine Anforderung, die im Unterricht an die Kinder gestellt wird, für die sich nicht Eltern finden, die Überforderung fürchten.“ Sie wären aber eigentlich die natürliche Instanz, um die Kinder herauszufordern und zum Lernen und Üben anzuspornen. Wenn die Eltern jedoch immer mehr die Unbequemlichkeit dieser oft mühsamen und weitestgehend undelegierbaren Aufgabe scheuen, verwehren wir der nächsten Generation die Chance, die eigenständige Überlebensfähigkeit zu erlernen.

Wer mir das nicht glaubt, hat vielleicht mehr Vertrauen in die Worte des amerikanischen Präsidenten: „To parents – to parents, we can't tell our kids to do well in school and then fail to support them when they get home. You can't just contract out parenting. For our kids to excel, we have to accept our responsibility to help them learn. That means putting away the Xbox – putting our kids to bed at a reasonable hour. It means attending those parent-teacher conferences and reading to our children and helping them with their homework.”
(Aus Barack Obama’s Rede bei der National Association for the Advancement of Colored People am 16. Juli 2009)

Mediennutzung

Juli 2009 – 16 Prozent der 15-jährigen Jungen spielen täglich mehr als viereinhalb Stunden Computerspiele (Exzessivspieler) + 23 Prozent täglich mehr als zweieinhalb Stunden (Vielspieler) + 30 Prozent täglich mehr als eine Stunde = macht insgesamt zwei Drittel aller 15-jährigen Jungen, die jeden Tag mindestens eine Stunde Computer spielen (bei den Mädchen ist es immerhin ein Drittel).
Zusammen mit Fern-/DVD-Sehen und Chatten/Surfen im Internet nutzen 15-jährige Jungen durchschnittlich täglich über siebeneinhalb Stunden Bildschirmmedien und die Mädchen über sechs Stunden. Auch wenn dabei Überschneidungen mitgerechnet sind (etwa gleichzeitig Fernsehen und Computerspielen), ist es doch ein deutlicher Beleg, wie sehr eine ganze Generation dabei ist, sich aus der Realität zu verabschieden.(Quelle: KfN-Schülerbefragung April 2007 bis Oktober 2008. Florian Rehbein, Matthias Kleinmann, Thomas Mößle: Computerspielabhängigkeit im Kindes- und Jugendalter, 2009, Forschungsbericht Nr. 108 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. – siehe www.kfn.de)

Kevin allein im Netz

Juli 2009 – Laut einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes BITKOM geben 31 Prozent der befragten Eltern an, dass sie nicht in der Lage sind, die Web-Aktivitäten ihrer Kinder zu kontrollieren, jeder sechste mischt sich überhaupt nicht in die Internetnutzung seiner Kinder ein. Dabei nutzen laut der Studie bereits 21 Prozent der 4- bis 6-Jährigen das Internet, 71 Prozent der 7- bis 10-Jährigen und ab elf Jahren fast alle. Man darf „Nutzung“ in diesem Zusammenhang aber nicht als etwas Nützliches, etwa ein Referat vorbereiten, missverstehen. Viel mehr geht es um Web 2.0-Anwendungen wie social networks, Foren und das Einstellen von Bildern/Videos. Hoffentlich findet Kevin auch wieder allein aus diesem Netz 2.0 heraus …

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